Zufriedenheit und Erfüllung

2004 kürte das Rolling Stones Magazin die »500 größten Songs aller Zeiten«. Ganz oben auf der Liste stand Bob Dylan´s »Like a Rolling Stone«. Als Zweites kam auf der Liste (ich setze keine Voreingenommenheit bei der Auswahl des Magazins voraus) »(I can´t get no) Satisfaction von den Rolling Stones. Dieses Lied diente, sowohl in seinem beabsichtigten Sinne als auch in den Anspielungen, als eine Hymne des letzten halben Jahrhunderts (es wurde 1965 veröffentlicht). Es verwundert daher nicht, dass die Zeitung USA Today berichtete, dass die Mehrheit der Amerikaner aus jeder Altersgruppe das Gefühl hatte, niemals ihre Bestimmung herausgefunden zu haben. Es gibt auch keinen Grund, warum sie das hätten tun können. Denn einst schnitten wir uns selbst von der Grundlage und dem Ziel sowohl unserer Zufriedenheit als auch unserer Bestimmung ab. Seitdem verhungern wir geistlich. Keine Zufriedenheit bedeutet keine Erfüllung.

Hier ist wieder ein Aspekt, wo das Evangelium auf die Bedürfnisse unserer Kultur trifft: Jesus Christus gibt uns das, was die Welt uns nicht geben kann – Erfüllung. 

Dies ist zumindest das, was Saulus von Tarsus herausfand, einer der am wenigsten natürlich zufriedenen Menschen: »Denn ich habe gelernt, mich darin zu begnügen, worin ich bin. Sowohl erniedrigt zu sein, weiß ich, als auch Überfluss zu haben, weiß ich; … Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.« (Philipper 4,11-13).

Zufriedenheit

Was bedeutet es, zufrieden zu sein? Paulus mag seine Freunde in Philippi erschrocken haben, als er einen Ausdruck der Stoiker für eine christliche Haltung gebrauchte. Deutete er darauf hin, dass was der Stoizismus suchte – die Loslösung von den Störungen starker Emotionen – nur im Evangelium zu finden war, ohne jedoch die Gefühle selbst zu verleugnen oder auszuschließen? Für Paulus drückt sich Zufriedenheit in Situationen aus, die mit starken Emotionen daherkommen – Überfluss haben, Mangel leiden – aber im Gegensatz zu der griechischen Stoa hat er diese Dinge in einer anderen Schule gelernt. 

Zurück zur Schule

Wie können wir nun das entdecken, was Jeremiah Burroughs die »seltenen Juwelen der christlichen Zufriedenheit« genannt hat? 

Einige von uns denken naiv, dass wir von Natur aus »zufriedene Leute« sind. Aber eine höhere Toleranzgrenze sieht nur fälschlicherweise wie Zufriedenheit aus. Geistliche Zufriedenheit ist erlernt und nicht natürlich. Und sie wird in Situation erlernt, die uns herausfordern, wie Paulus andeutet – wenn wir erniedrigt werden und wenn wir Überfluss haben. Zufriedenheit ist die Fähigkeit, gleichermaßen mit beiden Situationen zufrieden zu sein, nicht nur in einer, sondern in beiden. 

Das erscheint paradox, sogar widersprüchlich zu sein. Aber der zufriedene Gläubige ist jemand, der glaubt, dass Gottes Versorgung immer ausreichend und Seine Zeitpläne immer angemessen sind. Erst wenn wir sowohl mit dem Guten als auch dem Schlechten konfrontiert wurden (was die meisten von uns bis zu einem gewissen Grad tun) können wir wissen, dass nichts uns von dem Anker unserer Zufriedenheit in Christus wegziehen kann. Beide Situationen werden also zur Schule, in der wir lernen, in Christus zu ruhen und alles durch ihn zu tun. 

Die Hintergrundgeschichte 

Der Verlust der Zufriedenheit besitzt eine lange Geschichte. Seine Herkunft liegt vor dem Anbruch der Zeit. Satan war unzufrieden (und ist es immer noch). Aus welchem Grund auch immer (war es vielleicht die Eifersucht, dass der wahre König der Engel der Sohn Gottes war?), war er unzufrieden mit Gottes Versorgung und Zeitplan. Und der Unzufriedene sucht stets Gesellschaft. So täuschte die Schlange unsere Eltern. Sie wiederum wurden unzufrieden damit, im Bilde Gottes erschaffen zu sein, und wünschten, wie Gott selbst zu sein. Ihre Torheit führte zu unserer Misere. 

Austreibende Kraft

Wie können wir also Zufriedenheit lernen? Thomas Chalmers sprach richtigerweise von der Wichtigkeit »der austreibenden Kraft neuer Gefühle«. Unzufriedenheit kann nur durch Gefühle ins Gegenteil gekehrt und ausgetrieben werden, die sowohl größer als auch ihr entgegengesetzt ist. Setzen Sie also die Reichtümer ein, die wir durch die Vereinigung mit Christus besitzen. 

Erst wenn unser Christus groß genug ist, um uns zufriedenzustellen, können wir zufrieden sein, ganz gleich wie unsere jeweilige Situation aussehen mag. Ja, sogar mehr als das, nämlich zufrieden zu sein mit den Umständen und nicht trotz der Umstände. Dies ist ein wichtiger Punkt. Wir sind noch nicht zur biblischen Zufriedenheit gelangt, wenn wir uns mit Christus zufriedengeben würden, wären da nicht unsere Umstände. Nein, echte Zufriedenheit realisiert sich sowohl in unseren Umständen als auch mit unseren Umständen.

Eine vier-dimensionale Welt

Worin besteht nun diese Zufriedenheit? Sie besteht in den folgenden vier Dimensionen unserer Erkenntnis Christi:

Dimension 1: Alles, was wir brauchen und alles, was uns fehlt, finden wir in Christus. Alle Christen glauben das – theoretisch! Aber haben wir es wirklich verstanden? Die Kraft unserer Vereinigung mit Christus in unserem Leben erfordert eine wachsende Erkenntnis von allem, was uns durch ihn gehört. Dennoch kann die Lehre selbst enthusiastisch unterstützt werden, während sie lediglich eine »Vorstellung« bleibt, wie Jonathan Edwards es bezeichnen würde. Wir haben eine Idee davon, aber die Realität berührt nicht unsere Gefühle. Wie John Owen es ausdrücken würde, dass wir zwar die Wahrheit kennen, jedoch nicht die Kraft der Wahrheit.

Wie aber kann es dann eine Realität für uns werden? Nur indem wir unsere Herzen in die üppige Gnade versenken, die uns in Passagen wie Epheser 1,3-14 oder Kolosser 2,6-3,4 vorgestellt werden. Dies ist das Elixier, das Calvin so eloquent beschrieben hat: »Unser ganzes Heil, alles, was dazu gehört, ist allein in Christus beschlossen (Apg. 4,12). Deshalb dürfen wir auch nicht das geringste Stücklein anderswoher ableiten.« (Institutio II.16.19). Calvin endet damit, dass er diejenigen, für die das gilt, denen gegenüberstellt, die »sich nicht mit Christus zufriedengeben«.

Dimension 2: Dieser alles-ausreichende Christus ist mit uns. Hebräer 13,5-6 fordert uns bekanntermaßen auf »begnügt euch mit dem, was vorhanden ist«, erklärt uns aber auch warum. Ob wir gewinnen oder verlieren, ob wir etwas besitzen oder nicht, ob in Freude oder in Leid: »Denn er hat gesagt: ›Ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen‹«. Der griechische Text enthält hier eine Handvoll Verneinungen – schlecht in deutscher Grammatik, erlaubt in Griechisch, aber herrlich in der Theologie. Die Botschaft lautet: Dieser ausreichende Herr Jesus ist mit dir; unter keinen Umständen wird Er dich verlassen. Er ist alles, was du brauchst. Am Ende des Tages ist Er allein ausreichend – du wirst nichts anderes haben, wenn du deinen letzten Atemzug tust. Aber weil Er für eine ganze Ewigkeit ausreichend ist, ist Er es jetzt auch nicht weniger.

Dimension 3: Wir sind in diesem ausreichenden Christus. Wir sind mit Ihm vereint in dem ewigen Ratschluss, in der Bundeseinheit durch seine Menschwerdung und durch den Glauben. All die Fülle der Gottheit wohnt in Ihm leibhaftig (Kolosser 2,9-10). Wie Calvin uns lehrt: in Seiner Menschwerdung, seinem Leben, Tod, seiner Auferstehung, Himmelfahrt, seinem Richteramt und seiner Wiederkunft betrachtet Christus sich selbst als unvollständig ohne uns. Was für eine Zufriedenheit ist in der Erkenntnis zu finden, dass dies wahr ist!

Dimension 4: Dieser ausreichende Christus ist in uns. Wir können mit Paulus sagen: »Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir« (Galater 2,20). Wir minimieren nicht die schockierende parallele Realität, dass die Sünde in uns wohnt (Römer 7,17). Dennoch sollte diese Tatsache nicht die weitaus atemberaubendere Wahrheit von Jesu Verheißungen verdrängen, dass er durch die Kraft des Heiligen Geistes in uns lebt – ja, dass er seine »Wohnung« unter uns hat (Johannes 14,17,20,23b; 17,23).

Diejenigen, die von dieser Wahrheit ergriffen sind, lernen zufrieden zu sein, was auch ihre Umstände sein mögen. In Christus finden sie alles, was sie brauchen und alles, was ihnen fehlt. 

Die fünfte Dimension

Paulus verstand dies (siehe Philipper 3,7-11). Dennoch wusste er, dass weder er selbst noch wir es vollkommen ergriffen haben (Verse 12-14). Aber Christus ist ebenfalls in uns als »die Hoffnung der Herrlichkeit« (das ist die gegenwärtige Gewissheit dessen, was sich jetzt noch nicht realisiert hat; Kolosser 1,27). Eines Tages wird Er erscheinen und unsere niedrigen Körper gleich seinem verherrlichten Leib umgestalten (Philipper 3,21). Dann werden wir erwachen und zufrieden sein mit Seiner Ähnlichkeit (Psalm 17,15; siehe 1. Johannes 3,2). Dann, wenn wir die neuen Kapazitäten der Auferstehung besitzen, werden wir endlich befähigt sein, alles das zu erfassen was Christus ist und für uns getan hat. Dann werden wir die völlige Zufriedenheit kennen, für die wir ursprünglich geschaffen waren. Wir schmecken dies bereits jetzt; dann werden wir jedoch unendlich essen und trinken im neuen Himmel und der neuen Erde. 

Eigentlich sind wir dazu geschaffen, um uns an der Herrlichkeit zu erfreuen. Aber wir haben gesündigt und versagen darin (Römer 3,23). Es ist für uns unerreichbar geworden. Daher ist es kein Wunder, dass diejenigen, die für die Ewigkeit geschaffen sind, von Natur aus mit dem Zeitlichen unzufrieden sind. Wir versuchen die zerbrochenen Zisternen, aber ihre Wasser enttäuschen und verspotten uns bis, nach Gottes Vorsehung, wir lernen, dass es »niemand anderen als Christus« gibt, wie es in einer alten Hymne heißt: Nun kann niemand außer Christus zufriedenstellen, kein andrer Name gilt für mich! In dir, Herr Jesus, gibt es Liebe und Leben und anhaltende Freude.

Ein Bild

Psalm 131,2 demonstriert all das für uns. Von Natur aus sind wir alle wie nicht entwöhnte Kinder. Wir haben nur ein Verlangen nach Milch. Wir haben keinen Geschmack auf etwas Solides. Wir sind unzufrieden, bis wir bekennen: »Ich kann keine Zufriedenheit bekommen.« Erschöpft geben wir uns Christus hin und lernen zu sagen: »Wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele in mir.«

Hier ist das gesegnete Paradox: Der Moment, in dem du dich Ihm hingibst, ist der Moment an dem du anfängst Zufriedenheit zu lernen. Möge Gott diese Zufriedenheit allen gewähren, die Ihn kennen.

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Sinclair B. Ferguson

Sinclair B. Ferguson ist ein schottischer Theologe, Prediger und Lehrer für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary in Amerika.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier.org. Die Übersetzung und Wiedergabe erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber.