Was fehlt?

Jeder Christ liebt das Evangelium – denn schließlich gibt es keinen wahren Christen, der nicht durch das Evangelium errettet wurde.

Wenn wir das Evangelium weitergeben, sollten wir es aber auch unbedingt so tun, wie Jesus und die Apostel es getan haben. Ihre Nachricht lautete nicht: „Gott nimmt dich bedingungslos an; Er liebt dich so wie du bist. Entdecke deinen Wert, finde deine innere Schönheit!“

Ich möchte gar nicht bezweifeln, dass viele Menschen Ablehnung erfahren haben und niedergeschlagen sind. Jeder von uns hat mit Scham und viele auch mit Selbstverachtung zu kämpfen. Daher müssen wir hören, dass wir geliebt sind. Und deshalb ist es die beste Nachricht, dass Gott uns in Christus liebt und dass wir wertvoll sind in seinen Augen.

Allerdings ist Gottes Evangelium kein Wegweiser zu positivem Denken. Jesu Predigten und die der Apostel waren mehr als ein billiges: „Du bist was Besonderes!“

Dagegen ist unsere moderne Verkündigung viel zu stark auf Gefühl ausgelegt, wobei ein ganz wichtiges Wort verloren gegangen ist: Buße! Ja, genau dieses altmodische Wort, bei dem man sofort einen grimmigen Straßenprediger vor Augen hat. Aber jeder noch so oberflächliche Blick ins Neue Testament zeigt, dass das Evangelium ohne Buße nicht wirklich verstanden werden kann.

Als Johannes der Täufer die Menschen auf das Kommen Jesu vorbereitete, rief er sie zur Buße auf (vgl. Mt 3,8 und 10). Jesus begann sein öffentliches Wirken in Galiläa mit den Worten: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen!“ (Mt 4,17). Sein Hauptanliegen war es, Sünder zur Buße aufzurufen (vgl. Lk 5,32). Und unmittelbar vor seiner Himmelfahrt, schärfte Er seinen Jüngern ein, der Welt „in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden“ zu predigen (Lk 24,47). Wollte man Jesu Predigten in einem Satz zusammenfassen, könnte man Markus 1,14-15 zitieren: „Jesus [kam] nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“

Beachten wir, dass hier „Buße“ und „Glaube“ untrennbar zusammenhängen. Das heißt nicht, dass Buße gleich Glaube und Glaube gleich Buße wäre, aber sie sind beide untrennbare Kennzeichen desselben Wirkens des Heiligen Geistes, und sie führen beide zum selben Ziel. Die einzig richtige Reaktion auf das Evangelium ist Buße und Glauben (vgl. Mt 21,32; Apg 20,21). Wenn nur eines der beiden genannt wird – und das finden wir häufiger im Neuen Testament – dann wird das andere zweifellos vorausgesetzt. Niemand kann wirklich glauben ohne auch Buße zu tun, und niemand hat wirklich Buße getan, wenn er nicht auch glaubt.

Die Botschaft des Evangeliums wird an manchen Stellen auch mit der Aufforderung zur Buße zusammengefasst (vgl. Apg 3,18-19). Die Botschaft der Apostel lautete: „Tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden! (Apg 3,19).

Wenn der Aufruf zur Buße ein notwendiger Bestandteil für die treue Verkündigung des Evangeliums ist, dann gibt es dies heute scheinbar nur sehr selten. Die Aufforderung, sich von der Sünde abzuwenden, sich selbst zu verleugnen und Christus in den Mittelpunkt zu stellen, findet sich weder bei Predigern des Wohlstandsevangeliums noch bei Predigern, die eine sexuelle Revolution fordern, und selbst bei einigen, die als bibeltreu gelten, ist dieser Aufruf nur selten zu hören.

Sicherlich geht es nicht darum, der Gemeinde jeden Sonntag ins Gewissen zu reden. Denn schließlich brauchen viele der Gottesdienstbesucher dringend Ermutigung und Trost. Wer meine Predigten kennt, der weiß, dass ich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf der Kanzel stehe. Aber wenn ich als Prediger meine Zuhörer niemals mit Gottes Autorität auffordere, „die Sünde von Herzen zu bereuen und sie je länger je mehr zu hassen und zu fliehen“ (Heidelberger Katechismus, §89), dann vernachlässige ich die Pflicht eines Verkündigers des Evangeliums.

Es bleibt eine unbeliebte Tatsache bestehen: wer nicht bereit ist, sich von der Sünde abzuwenden und zu Christus umkehrt, wird nicht errettet (vgl. 1Kor 6,9-10; Gal 5,19-21; Eph 5,1-20; 1.Joh 3,14). Das Neue Testament sagt nichts über das Bauen eines Himmelreichs, es sagt uns aber alles darüber, wie wir in das Himmelreich hineinkommen. Die Ankunft des Königs ist nur für die eine gute Nachricht, die sich zu Gott hingewandt haben.

Wenn wir den Menschen eine Botschaft predigen wollen, die die Macht hat, zu erretten – und nicht nur die Seele zu streicheln – dann sind wir gezwungen so zu predigen, wie Jesus es tat – und nicht so, wie es unserer Gesellschaft passt.

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Kevin DeYoung

Kevin DeYoung ist Pastor der Christ Covenant Church in Matthews, N.C. sowie Professor am Reformed Theological Seminary in Charlotte, N.C. (USA). Außerdem ist er Autor mehrerer Bücher.