fürchte dich nicht

Fürchte dich nicht!

Was glaubst du, sagt Gott in der Bibel häufiger als alles andere? Damit meine ich Stellen, in denen Gott direkt spricht, also grammatikalisch vollständige Aussagen.

Wenn wir unsere Konkordanz hinzuziehen und sie bei dem Wort „fürchten“ aufschlagen, werden wir feststellen, dass wir dies etwa 75-mal in der Bibel finden. Bei einem Drittel sagt es Gott selbst. Nehmen wir die Gelegenheiten hinzu, in denen es ein Engel im Auftrag Gottes sagt, dann macht dies die Hälfte aus. So ist es also wahrscheinlich, dass keine andere Aussage Gottes in der Bibel so häufig wiederholt wird wie „Fürchte dich nicht!

Wir alle sind vergänglich

Was können wir von dieser Tatsache ableiten? Nun, gewiss gibt es dazu mehrere Überlegungen. Als erstes denken wir an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens seit dem Sündenfall. Das erste Beispiel eines Satzes mit „Fürchte dich nicht!“ finden wir, als Gott sich Abram väterlich zuwendet und ihn ermutigt. Was hatte Abram zu fürchten? Ich kenne nicht alle seine Befürchtungen, aber da ist eine, über die uns die Bibel nicht im Zweifel lässt: Er befürchtete, sterben zu müssen, ohne einen Sohn zu hinterlassen, der sein Geschlecht fortführte. „Ich gehe kinderlos dahin.“ Hier zeigt es sich: die Furcht, dass die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz das letzte Wort haben würde.

Als der HERR zu Josua sagte: „Fürchte dich nicht!“ (Jos 8,1), hatte Josua kurz zuvor erleben müssen, dass viele seiner Männer wegen Achans Diebstahl im Kampf gefallen waren. Voller Zuversicht waren die Kriegsleute hinaufgezogen, aber ein Teil von ihnen fand dort ein blutiges Ende. „Da zerschmolz das Herz des Volkes und wurde wie Wasser“ (Jos 7,5). Wie anfällig ist das menschliche Leben mitsamt seinen Hoffnungen! Das ist die traurige Lehre; und ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns wieder und wieder damit abfinden. „Ihr seid ein Dampf, der eine kleine Zeit sichtbar ist und dann verschwindet“ (Jak 4,14).

Wir alle brauchen Trost

Das aber führt uns zu einem zweiten wichtigen Gedanken: Die Menschen um uns herum – ja selbst die stärksten unter unseren Glaubensgeschwistern – sind Männer und Frauen, die Trost benötigen. Gab Gott denn nicht sein ermutigendes „Fürchte dich nicht!“ an Abram und Josua und an die vielen anderen Heiligen im Lauf der Geschichte? War es denn nicht Sein fast typisches Wort an gläubige Herzen? Dann sollte es auch oft auf unseren Lippen sein! Sofern wir nicht völlig in uns aufgehen, werden wir viele Gelegenheiten finden, unseren verzagten Brüdern und Schwestern im Herrn Mut zuzusprechen. Lasst uns diese Gelegenheiten nicht versäumen!

Aber damit haben wir natürlich noch nicht alles erfasst und nicht einmal die Hauptsache. Ging es nur um ein tröstliches Wort, dann würde das „Fürchte dich nicht!“ nichts bewirken und würde unserer Hoffnung spotten. Denn wenn die Vergänglichkeit unserer gefallenen Natur mit all ihrer Trostbedürftigkeit unsere Grundlage, unsere Wirklichkeit ist, dann haben wir wahrlich allen Grund, uns unetwegt zu fürchten. Nein, es muss mehr als ein Wort da sein, und es ist mehr da!

Gott selbst stillt unsere Angst

Das bringt mich zum dritten Gedanken: Wenn Gott den Menschen zuspricht: „Fürchte dich nicht!“, was hat Er ihnen anstelle der Furcht zu bieten?“ In den meisten Fällen lautet die Antwort: Sich selbst!

„Fürchte dich nicht!“, sagt Er zu Abram. Ob Abram zurückgefragt hat: „Warum nicht?“ Gott fährt jedenfalls fort: „Ich bin dir ein Schild, dein sehr großer Lohn“ (1.Mose 15,1). Gott möchte Abram ermutigen, aus Gottes Kraft und unter seinem Schutz zu leben.

Das ist immer die Antwort Gottes auf die Furcht der Menschen. Die Ursachen unserer Furcht mögen verschieden sein, Gott aber bleibt derselbe. Wenn wir auf den Seiten der Bibel die Aufforderung finden „Fürchte dich nicht!“ dann wird im Allgemeinen ein Glied des Volkes Gottes von einer bestimmten Furcht gequält oder einer besonderen Anfechtung ausgesetzt sein, wovon es sich Befreiung ersehnt. In solchen Augenblicken sagt Gott: „Fürchte dich nicht!“

Doch es geht nicht nur um besondere, einzelne Anfechtungen. Die Anfälligkeit der menschlichen Existenz löst in jedem von uns Furcht aus, sobald wir einmal zum Nachdenken darüber kommen. Mich wundert es nicht, dass manche Menschen Symphonien der Disharmonie schreiben oder die Absurdität des Lebens besingen. Was sonst sollten sie im Blick auf ein Leben ohne die Wirklichkeit Gottes tun? Der Preis der Gottlosigkeit ist die totale Verzweiflung.

Das deutlichste und beste Beispiel dafür, wie Gott Selbst die Furcht der Menschen zerstreut, finden wir beim Kommen Jesu Christi in diese Welt. Gottes Antwort auf die Furcht Marias und Josephs und auch der Hirten ist das Wort „Immanuel“: Gott mit uns! Und in Maria und den übrigen Beteiligten dürfen wir uns selbst erkennen! Hier finden wir die Antwort, die auch uns gilt! Gott ist in der Person Jesu Christi zu uns gekommen. Deshalb brauchen und sollen wir uns nicht zu fürchten. Selbst Abraham und den Heiligen des Alten Testaments wäre mancher Schmerz erspart geblieben, wenn sie sich die Gegenwart Gottes häufiger bewusst gemacht hätten.

Doch Jesus ist gekommen und in Ihm haben wir die Herrlichkeit Gottes gesehen. Uns, die wir an Jesus glauben, gilt vor allen anderen Menschen das göttliche „Fürchtet euch nicht!“

Nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziger Christ, der das liest, was ich soeben geschrieben habe, daran denken würde, mir zu widersprechen. Aber was bedeutet es ganz konkret? Was hat uns Gott in Jesus Christus geoffenbart, um unsere Furcht zu vertreiben?

Wie Jesus unsere Furcht vertreibt

Ich will zwei Antworten vorschlagen, die im Grunde das gleiche aussagen. Erstens: Gott hat in Jesus Christus Seine große Liebe geoffenbart. In Christus ist Gottes Liebe zu uns Menschen unmissverständlich deutlich geworden. Zweitens: Gott hat in Jesus Christus Seine Macht gezeigt. Seine machtvolle Entschlossenheit, uns Seinem Sohn gleich zu gestalten. Das sind – unter vielen anderen – zwei wesentliche Tatsachen, die uns Gott durch Jesus Christus geoffenbart hat. Und diese beiden Wahrheiten lassen keinen Zweifel daran, dass Gottes Volk früher oder später für immer von aller Furcht befreit sein wird.

Dieses Thema erläutert uns Johannes in seinem ersten Brief:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Hierin ist die Liebe bei uns vollendet worden, dass wir Freimütigkeit haben am Tag des Gerichts, denn wie er ist, sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe. Wir lieben, weil er uns geliebt hat.

1. Johannes 4,16-19

„Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“, das kann nur stimmen, wenn die Liebe nicht einseitig ist. Würde Gott uns lieben, ohne dass wir etwas von seiner Liebe wüssten, würden wir trotzdem fortfahren, Ihn zu fürchten. Setzen wir aber einmal den umgekehrten Fall, dass es uns möglich wäre, Gott zu lieben, während Er uns hasste. Was dann? Nun, wir hätten allen Grund, Ihn trotzdem zu fürchten. Wie vollkommen auch unsere Liebe zu Ihm wäre, sie könnte unsere Furcht vor Ihm nicht vertreiben.

Doch die Aussage des Apostels hat zwei Gesichtspunkte. Erstens, Gott liebt sein Volk wirklich. Und zweitens, Sein kräftiges Wirken in allen Gliedern seines Volkes bringt uns dahin, dass wir Seine Liebe erkennen und erwidern. Warum haben wir „erkannt udn geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat“ (V.16)? Weil Gott sie uns klargemacht hat! Die „allgemeine Liebe“ Gottes zu den Menschen wird Millionen gepredigt. Doch die meisten von ihnen ziehen aus dem, was ihnen gesagt wird, keinerlei Nutzen. Warum aber lieben wir Gott und unsere Glaubensgeschwister, nachdem wir von Gottes Liebe zu uns gehört haben? Johannes antwortet: „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (V.19). Der Grund für unsere Liebe ist Seine Liebe. Das ist es, was uns Johannes lehrt. Und vor dieser gegenseitigen Liebe wird selbst die Furcht, die Pein hat, vergehen!

Nun ist es zweifellos richtig, dass sich eine derartige Entwicklung in gewissen Maß bereits bei den alttestamentlichen Heiligen zeigte. Auch sie wussten etwas von der großen Liebe Gottes und erwiderten sie. Und ebenso wie bei uns kam diese Entwicklung zu ihren Lebzeiten noch nicht zur Vollendung. In alledem glichen sie uns. Aber das ist nicht alles.

Es muss noch etwas hinzugefügt werden. Wir müssen sagen, was Johannes in seinem Evangelium schrieb:

Das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1,17

Was meinte Johannes? Er will uns zeigen, dass durch das Kommen Jesu ein neues Zeitalter begann: das Zeitalter der Gnade. Natürlich gab es schon vor dem Kommen des Herrn Jesus Gnade. Und natürlich wurden die Menschen, die in der Vergangenheit gerettet wurden, immer schon durch Jesu Verdienst errettet und nicht durch ihre „verdienstlichen Werke“. Doch von nun an geht es um mehr. Durch das Kommen Jesu Christi hat Gott Seine Liebe zu den Sündern in einer Weise geoffenbart, wie Er es bis dahin noch niemals getan hatte. Und Gott hat außer Seinem Sohn auch Seinen Heiligen Geist gesandt, um diese Wahrheit dem Herzen Seines Volkes so klarzumachen wie nie zuvor. Das Zeitalter, in dem wir leben, ist das Zeitalter der Gnade in höchster Vollendung.

Gewiss ist die „vollkommene Liebe“, von der ich spreche, in uns, die wir Christen sind, noch nicht vollends verwirktlicht. Aber Gott hat angefangen, uns über Seine Liebe zu uns zu belehren. In der Tat, Er hat sie uns auf wundersame Weise klargemacht! Und nun, als ob das noch nicht genügte, hat Er noch etwas getan. Er hat es zustande gebracht, in uns die Gegenliebe zu Ihm zu wecken. Das Werk ist noch nicht abgeschlossen, aber es ist real. Wenn wir als Christen auch keinen Grund haben, uns dessen zu brüsten, so zögern wir anderseits nicht, mit Johannes zu sagen: „Wir lieben (Gott und einander), weil Er uns zuerst geliebt hat!“ Auch wir hören Gottes wiederholtes „Fürchte dich nicht!“ Wir vernehmen es in unseren Herzen, wenn wir die Gnade Gottes sehen, die Er uns in Seinem Sohn gezeigt hat, in unserem Heiland Jesus Christus!


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