Die Psalmen

Vermutlich wurden mehr Kommentare, Studienführer und sonstiges Lehrmaterial für das Buch der Psalmen geschrieben, als für irgendein anderes Buch der Bibel. Es ist nicht meine Absicht, diesen Werken noch ein weiteres hinzuzufügen. Stattdessen möchte ich einige Anregungen geben, wie Christen einen noch größeren Nutzen aus diesen Werken über die Psalmen ziehen können.

Die Entstehungsgeschichte der Psalmen zieht sich durch die ganze Periode des Alten Testaments, angefangen bei Mose (vgl. Ps 90) bis hin zur nachexilischen Zeit (vgl. Ps 126). Zweiundsiebzig Psalmen nennen David als Verfasser, während andere von Salomo, Asaf, Heman und den Söhnen Korachs geschrieben wurden. Einige Psalmen wurden vermutlich im Tempelgottesdienst gebraucht (daher auch der Hinweis „Für den Chorleiter“ in über fünfzig Psalmen). Die Psalmen selbst sind unterschiedlicher Natur. Einige sind Klagepsalmen, sowohl des Einzelnen (vgl. Ps 42) als auch der ganzen Gemeinde (vgl. Ps 44). Einige sind Dankpsalmen (vgl. Ps 100), während andere Hymnen oder Loblieder sind (vgl. Ps 96). Andere Psalmen wiederum sind sogenannte Weisheitspsalmen, wie beispielsweise Psalm 1 und Psalm 119. Diese Psalmen sind häufig Reflexionen über das Wort Gottes. Andere Psalmen, wie Psalm 69 und Psalm 109, bezeichnen wir als „Rachepsalmen“, weil das Gebet des Psalmisten sich gegen die Feinde Gottes richtet (im Sinne eines Fluches).

Die neutestamentlichen Autoren beziehen sich häufiger auf das Buch der Psalmen als auf irgendein anderes Buch des Alten Testaments. Das kommt daher, dass ein Hauptfokus der Psalmen das Werk des Messias und dessen Königreich ist. Weil Christus bis dahin noch nicht erschienen war, begegnet er uns als Typus und Schatten des davidischen Königtums. In einigen Psalmen jedoch, die wir traditionsgemäß „messianische Psalmen“ nennen, spricht Christus unmittelbar und deutlich. Dazu zählen beispielsweise der 2. Psalm, der 22., der 45., der 72. und der 110. Psalm. Daher sollte der Leser insbesondere bestrebt sein, Christus in den Psalmen zu finden.

Das Buch der Psalmen verfolgt jedoch noch einen anderen Zweck. Johannes Calvin bezeichnete die Psalmen als „Anatomie der Seelenteile“. Sie führen den Gläubigen auf dem Weg der Frömmigkeit, und das in vier Bereichen: Meditation, Diskussion, Gebet und Gesang.

Meditation

Die Kunst der christlichen Meditation ist in unserer Zeit leider verloren gegangen, obwohl unsere puritanischen und reformierten Vorväter viele Abhandlungen zu diesem Thema schrieben. Heute denken viele bei dem Wort Meditation zuerst an fernöstliche Religionen oder die New Age Bewegung. Und leider ist es auch so, dass das Konzept der Meditation, wie es in manchen evangelikalen Gemeinden Einzug erhalten hat, auf fernöstliches Gedankengut beruht. Meditation, wie es von der New Age Bewegung verstanden und praktiziert wird, bedeutet eine Entleerung des Verstandes. Es ist ein Versuch, eine Art gedankenlosen spirituellen Zustand zu erreichen, in dem der Meditierende offen für „spirituelle Kräfte“ wird, die ihn für die Gegenwart des Göttlichen offen werden lassen.

Das Buch der Psalmen hingegen lehrt den Leser, was wahre biblische Meditation ist. Bedenken wir Psalm 1,2: „[Glücklich der Mann,] der seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!“ Um die Kernaussage dieses Verses richtig zu verstehen muss man zunächst wissen, dass Gesetz sich hier nicht nur auf die einzelnen alttestamentlichen Gesetze beschränkt. Das Wort Gesetz ist im Hebräischen torah und bezieht sich nicht nur auf Rechtstexte, sondern auf alles, „was aus dem Mund des HERRN hervorgeht“ (5Mo 8,3). Das bedeutet, dass die christliche Meditation eine intelligente und geistliche Übung ist, wobei der Gläubige über das Wort Gottes nachdenkt und danach strebt, den Sinn des Textes zu verstehen und wie er auf sein Leben anzuwenden ist. Hinter dem Wort, das in unseren deutschen Bibeln oft mit „nachsinnen“ übersetzt wird, steckt die Idee des „sinnieren“, also eines „beständigen Murmelns“. Das heißt, dass der Leser den Gedanken im Text wiederholt und ihn gedanklich „durchkaut“. Psalm 119 ist ein Beispiel für einen Gläubigen, der über das Wort Gottes nachdenkt. Buchstäblich jeder Vers in diesem Psalm bezieht sich auf die Tora oder ein Synonym davon, während der Psalmist Vers für Vers darüber reflektiert, was das Wort Gottes für sein eigenes Leben bedeutet. Einige Psalmen eignen sich besonders für solche Meditationen, wie beispielsweise der 1. Psalm, der 34., der 37., der 49., der 111., der 112. und der 119. Psalm.

Diskussion

Ein weiterer Gebrauch der Psalmen ist die Diskussion. Im Kontext der Psalmen steht dahinter die Idee einer ernsthaften Argumentation mit sich selbst, verbunden mit dem Ziel, seine eigene Sichtweise und sein Verhalten zu ändern. In diesem Sinne zu sich selbst zu reden, ist keine schlechte Sache. Vielmehr geht es über die Meditation hinaus, weil die Person das, was sie aus dem Wort Gottes gelernt hat, sich selbst wie einen Spiegel vorhält und danach strebt, seinen Glauben und sein Verhalten entsprechend anzupassen.

Praktisch sieht das so aus, dass ein Mann, der von der Sünde versucht wird, mit sich selbst darüber diskutiert, wie schrecklich die Sünde ist, wie sie Gott entehrt, welchen Schaden sie ihm, anderen und der Gemeinde zufügt. Das ist ein wichtiger Weg, wie ein Christ aktiv eine biblische Weltsicht entwickelt. Eine Reihe von Psalmen eignet sich hervorragend für diese Übung. In Psalm 11 beispielsweise war David durch die Frage verzweifelt und entmutigt: „Wenn die Grundpfeiler umgerissen werden, was richtet da der Gerechte aus?“ (Ps 11,3). Mit anderen Worten: Wenn Dinge auseinanderbrechen, solltest du dann auch aufgeben? David antwortet darauf, indem er sich daran erinnert: „Der HERR ist in seinem heiligen Tempel“, „der HERR prüft den Gerechten“, und „Aufrichtige schauen sein Angesicht“ (Ps 11,4-7). Anders gesagt: David erinnert sich selbst daran, basierend auf den Dingen, die er aus Gottes Wort gelernt hat, dass egal wie die Umstände auch aussehen mögen, Gott immer noch die Kontrolle behält und Er der Richter der ganzen Erde ist. Andere Psalmen, die uns bei dieser Selbstreflexion helfen sind die Psalmen 34, 37, 42, 43, und 62.

Gebet

Oftmals ist es eine traurige Sache, wenn man Gottes Volk beten hört. Zumindest in öffentlichen Gebeten (die einzigen Gebete, die andere bewerten können) mangelt es uns oftmals an der biblischen Art und Weise. Wenn jemand dem klassischen Muster von Anbetung, Bekenntnis, Danksagung und Fürbitte folgt, wird zumeist Gottes Größe und Güte erwähnt, darauf folgt ein allgemein gehaltener Hinweis auf unseren sündigen Zustand, dann kommen einige Wort der Dankbarkeit für vergangene Gebetserhörungen. Zum Ende hin werden dann die Sorgen und Nöte der Kranken und Leidenden erwähnt.

Der Christ jedoch, der über die Psalmen meditiert, kann auf einen viel größeren Wortschatz des Gebets zurückgreifen. Nicht nur können einige Psalmen eins zu eins gebetet werden, sondern die Psalmen liefern uns darüber hinaus wundervolle Beispiele, wie wir unser Herz vor Gott öffnen können. Nimm beispielsweise den einleitenden Vers von Psalm 18. David bezeichnet Gott als seine Stärke, seinen Felsen, seine Burg und seinen Retter, seinen Schild, als Horn des Heils und hohe Feste. Was für große Bekenntnisse der Anbetung und Dankbarkeit! Zusätzlich zeigt uns eine kurze Betrachtung des Textes, dass David zu dieser Zeit geistlich angefochten war und er sich an Gott als seinen einzigen Tröster und Retter wendet. Der moderne Christ befindet sich ebenfalls inmitten eines geistlichen Schlachtfeldes, obwohl er dies oftmals vergisst. Stattdessen sieht er derzeit nur diejenigen als seine „Feinde“ an, die politisch anders denken als er selbst. Andere Psalmen mit unterschiedlichen Gebetsbeispielen sind zu zahlreich, um sie hier aufzulisten, aber der aufmerksame Leser wird sie leicht finden.

Gesang

Schlussendlich lehren die Psalmen uns das Singen. Ein Teil der reformierten Frömmigkeit beruht auf dem Singen der Psalmen. Einige sind der Meinung, dass Christen die Psalmen nur im öffentlichen Gottesdienst singen sollten. Auch wenn ich diese Sichtweise nachvollziehen kann, stimme ich dem doch nicht zu. Die Tatsache jedoch, dass wir in unseren Gemeinden die Psalmen so gut wie gar nicht mehr singen, ist vermutlich ein Grund für unsere geistliche Schwäche.

Nicht alle Psalmen eignen sich für den Gesang, aber viele tun es dennoch. Viele Psalmen wurden in der Vergangenheit vertont, einige müsste man neu vertonen. Aber die Gemeinde (und der einzelne Christ) die sich entschließt, die Psalmen zu singen, wird dadurch reich belohnt werden. Psalm 95-100 sind besonders aussagekräftige Beispiele für solche Anbetungslieder, die ein tiefes und reiches Verständnis von Gott und seinem Handeln unter den Menschen beinhalten.

Kurz zusammengefasst: Dem Christen, der im Glauben wachsen möchte, wird jeder Teil der Bibel zum Gewinn sein, wenn er sie meditierend – nachsinnend – liest. Aber wenn er in der persönlichen Frömmigkeit reifen möchte, die das Lebensblut eines mündigen Christen ist, dann kann er nichts Besseres tun als sich in die Psalmen zu vertiefen. Hier wird er lernen, was es bedeutet, über das Wort Gottes nachzusinnen. Hier wird er angeleitet, wie er das Wort Gottes anwendet, wenn er verzweifelt und entmutigt ist. Und schlussendlich wird der Christ in den Psalmen lernen, was es bedeutet, unseren gnädigen Gott und Erlöser anzubeten.

© Ligonier Ministries @ Tabletalk Magazine.