Die Lehre vom „fleischlichen Christen“

Die Lehre vom „fleischlichen Christen“ beruht auf einer falschen Interpretation und Anwendung von 1. Korinther 3,1-4:

Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistlichen, sondern als zu Fleischlichen, als zu Unmündigen in Christus. Ich habe euch Milch zu trinken gegeben, nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Ihr könnt es aber auch jetzt noch nicht, denn ihr seid noch fleischlich.

1. Korinther 3,1-4

Um die wahre Bedeutung dieser Worte zu verstehen, sollten wir beachten, dass der erste Korintherbrief nicht als Lehrbrief geschrieben wurde. Sicherlich enthält auch er christliche Lehren, wie alle anderen neutestamentlichen Briefe, aber er weist deutliche Unterschiede zum Römerbrief auf, der zum Beispiel hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben wurde, christliche Lehrgrundlagen weiterzugeben.

Worum ging es dem Apostel?

Paulus’ Absicht bei der Abfassung des ersten Korintherbriefes war es, auf die praktischen Herausforderungen einer jungen Gemeinde einzugehen Im dritten Kapitel, und in den vorhergehenden, spricht er Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde an, die zu Gruppierungen und Spaltungen führen konnten.

In diesen Streitigkeiten ging es um eine falsche Verehrung der Menschen, die den Korinthern das Evangelium gepredigt hatten. Die Gläubigen machten sich von den Mitteln abhängig, die Gott zu ihrer Bekehrung verwendet hatte, anstatt auf Gott zu schauen, dem die eigentliche Ehre gehört. Anstatt zu sagen: „Wir sind Christi Jünger“ und sich somit der Einheit mit Ihm bewusst zu sein, teilten sie sich in verschiedene Parteien auf, indem sie sagten: „Ich gehöre zu Paulus, denn er hat unsere Gemeinde gegründet“, oder: „Ich gehöre zu Apollos, denn er ist sehr viel begabter als Paulus und er nützt uns viel mehr“, oder: „Ich gehöre zu Petrus, denn …“ Auf diese Weise entstanden Trennungen innerhalb der Gemeinde. 

Es ist äußerst wichtig zu beachten, dass das eigentliche Thema des gesamten Abschnittes die Streitigkeiten unter den Korinthern und die daraus resultierende Uneinigkeit ist. Und dies geht sogar über den genannten Abschnitt hinaus, denn später lesen wir, dass diese Uneinigkeit auch zu anderen Problemen führte, wie die Missachtung des Abendmahls und vieles mehr. All diese Probleme waren das Resultat der Fleischlichkeit der Korinther, dem Auswuchs ihrer innewohnenden Sünde, die in jedem Gläubigen steckt, wie Paulus in Römer 7,21-23 folgendermaßen beschreibt:

Ich finde also das Gesetz, dass bei mir, der ich das Gute tun will, nur das Böse vorhanden ist. Denn ich habe nach dem inneren Menschen Wohlgefallen am Gesetz Gottes. Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

Römer 7,21-23

„Geheiligte in Christus“

Damit wir überhaupt verstehen können, wen Paulus in 1. Korinther 3 genau anspricht, müssen wir im ersten Kapitel des Briefes beginnen. Dort bezeichnet Paulus die Empfänger seines Briefes als „Geheiligte in Christus“ und als solche, denen Gottes Gnade in Jesus Christus gegeben wurde; es sind Menschen, die „in allem reich gemacht worden“ sind, und zwar „in allem Wort und aller Erkenntnis“ (vgl. 1,2-5). Und nur zwei Kapitel später weist Paulus dieselben Menschen zurecht – und zwar nicht dafür, dass sie bestimmte geistliche Segnungen nicht erreicht hätten, sondern weil sie ihren geistlichen Segnungen entgegengesetzt handelten. Paulus wirft ihnen vor, in einem bestimmten Bereich so zu leben, wie es Unbekehrte tun.

Das ist ein großer Unterschied zu der Sichtweise, Paulus würde in Kapitel 3 eine bestimmte Gruppe von Christen ansprechen, die er als „Fleischliche“ bezeichnet. Es ist keine Frage, dass Paulus, wenn er die Menschen in Gruppen einteilt, nur zwei Gruppen kennt – nämlich „Natürliche“ und „Geistliche“:

Der natürliche Mensch nimmt nicht an, was vom Geist Gottes kommt; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemanden beurteilt.

1. Korinther 2,14-15

Mit der Bezeichnung „Natürlich“ meint der Apostel all jene, die Gottes Geist nicht haben. Ein Mensch, der nicht durch Gottes Geist von neuem geboren und durch diese Neugeburt ein neuer Mensch wurde, befindet sich noch immer in seinem natürlichen Zustand und ist somit ein „natürlicher Mensch“. 

Wirklich gerettet

„Geistliche“ hingegen können durchaus Kleinkinder (oder „Unmündige“) in der Gnade und der Erkenntnis sein. Ihr Glaube mag sehr schwach sein, ihre Liebe zu Christus und zu anderen mag noch in den Kinderschuhen stecken, ihr geistliches Wachstum ist noch nicht sehr fortgeschritten und ihr Versagen ist zahlreich, und doch sind sie vom Tod zum Leben hindurchgedrungen; sie sind in Christus und somit neue Menschen geworden – ihr Zustand wurde vom natürlichen zum geistlichen Menschen verändert und daher gehören sie in eine Klasse mit allen Gläubigen. Sie sind geistliche Menschen, auch wenn ihr Lebenswandel in manchen Aspekten vorübergehend etwas anderes aufweist. 

Die Gläubigen in Korinth waren „Geheiligte in Christus“, doch noch nicht in vollkommener Weise geheiligt – ein Zustand, der auf jeden anderen Christen zutrifft. Doch Paulus’ Ermahnung sagt nichts darüber aus, dass ihr Leben grundsätzlich von Fleischlichkeit geprägt wäre. Daher dürfen wir diese Stelle nicht als eine allgemeingültige Lehre über Fleischlichkeit ansehen, sondern einzig und allein als eine ganz spezielle Ermahnung an Gläubige, sich in einem bestimmten Bereich nicht von ihrem Fleisch leiten zu lassen. 

Wenn Paulus eine allgemeingültige Lehre, die jeden Christen betrifft, weitergibt, dann lautet sie: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, und für alle, die in Christus sind, gilt: „das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2Kor 5,17). Demnach gibt es keinen Platz für zwei Klassen von Christen, weder im ersten Korintherbrief noch in einem anderen Paulusbrief oder irgendeiner Stelle der Heiligen Schrift. 

Wer 1. Korinther 3,1-4 auf die oben genannte Weise interpretiert und die Menschen in drei Klassen einteilt, der verstößt gegen eine Kardinallehre in Bezug auf die Auslegung der Bibel – dass jede Passage im Licht der gesamten Heiligen Schrift interpretiert werden muss. Eine sehr weise Aussage der Kirchenväter lautet:

Wenn du nur eine einzige Bibelstelle als Grundlage hast, auf der du eine bedeutende Lehre oder ein Dogma aufbaust, dann wird sich früher oder später herausstellen, dass du keine Stelle als Grundlage hast.


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Ernest C. Reisinger

Ernest C. Reisinger (1909-2004) war über viele Jahre Pastor einer reformiert-baptistischen Gemeinde in Amerika.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Broschüre Die Lehre vom „fleischlichen Christen“, die bei uns auf Spendenbasis bestellt werden kann.