Der Vorhang

Im Garten Eden lebten Adam und Eva in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Aber ihr Ungehorsam führte dazu, dass sie aus dem Garten und aus der Gegenwart Gottes verbannt wurden. Gott stellte Cherubim mit flammenden Schwertern an den Eingang zum Garten, um so die Rückkehr der Menschen zu verhindern und zugleich die Trennung zwischen Mensch und Gott zu verdeutlichen. Die Menschen konnten Gott opfern; sie konnten zu Ihm beten, aber der Weg in seine Gegenwart blieb verschlossen. Die Cherubim, auch wenn sie nicht länger sichtbar waren, verblieben als Wächter. Über Generationen blieb diese Trennung bestehen.

Als Mose das Gesetz auf dem Berg Sinai gegeben wurde, erhielt er auch die Anweisungen zum Bau der Stiftshütte. Darunter befand sich auch die Anweisung, einen Vorhang anzufertigen (vgl. 2Mo 26,30-35). Der Zweck dieses Vorhangs war, das Heiligtum vom Allerheiligsten zu trennen. Im Heiligtum stand der Leuchter, der Tisch mit den Schaubroten und der Räucheraltar. Im Allerheiligsten stand die Bundeslade, bedeckt vom Gnadenstuhl, auf dem zwei goldene Cherubim die Gegenwart Gottes bewachten. Das war der Ort, der Begegnung mit Gott und wo Er mit Mose sprach.

Ein Spalt öffnet sich

Der Vorhang war mit gestickten Cherubim verziert, die an die Cherubim erinnerten, die den Menschen von der Gegenwart Gottes fernhielten. Aber es gab eine Veränderung. Das uneingeschränkte Verbot, die Gegenwart Gottes zu betreten, war nun nicht mehr so absolut. Die Tür zur Gegenwart Gottes, die in Eden so vehement zugeschlagen wurde, öffnete sich nun einen Spalt breit. Sicher, es war ein sehr kleiner Spalt, aber er war real. Nun konnte der Hohe Priester einmal im Jahr, gemeinsam mit dem aufsteigenden Räucherwerk und dem Blut des Opfertieres in das Allerheiligste eintreten (vgl. 3Mo 16). Er konnte wieder die Gegenwart Gottes betreten.

Die Israeliten wussten dies. Alle sieben Jahre sollte das Gesetz vorgelesen werden (vgl. 5Mo 31,9-13). Für den Großteil des Volkes änderte dies jedoch nicht viel. Schließlich betraf es nur den Hohen Priester und auch er selbst durfte nur einmal im Jahr ins Allerheiligste gehen. Daran änderte sich über Generationen nichts. Irgendwann wurde zwar der Tempel gebaut, aber auch dort gab es einen neuen Vorhang mit gestickten Cherubim, der das Heiligste vom Allerheiligsten trennte (vgl. 2Chr 3,14). Zusätzlich waren die Wände des Tempels noch mit Cherubim verziert. Mit Ausnahme des Hohe Priesters durfte niemand in die Gegenwart Gottes kommen.

Die Ära der Propheten jedoch wies darauf hin, dass sich etwas verändern würde. Jesaja 25,7 sagt:

Dann wird er auf diesem Berg die Hülle verschlingen, die das Gesicht aller Völker verhüllt, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist.

Jesaja 25,7

Das Wort „Hülle“ ist nicht dasselbe Wort wie für „Vorhang“. Die Verbindung jedoch zwischen dem heiligen Berg des Herrn und der begierigen Erwartung des Volkes auf das Kommen des Herrn, weist zumindest auf eine weitere Veränderung hin, eine bedeutsame Veränderung.

Der Vorhang zerreißt

Wieder folgte eine Zeit der Stille. Dann, genau am Ende von Jesu Dienst, gerade während Er starb, riss der Vorhang des Tempels von oben nach unten entzwei. Dieses Ereignis wird uns in allen drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) berichtet. Etwas merkwürdiges, herrliches und wunderbares war geschehen: Der Weg in die Gegenwart Gottes war nun wieder offen. Was die Evangelien berichten, erklärt uns der Autor des Hebräerbriefes.

Zunächst einmal lesen wir, dass Jesus selbst hinter den Vorhang gegangen ist (vgl. Hebr 6,19). Er ging als unser Hoher Priester hinein. So wie der Hohe Priester in der Stiftshütte oder im Tempel, so betrat Jesus das Allerheiligste. Dabei handelte es sich jedoch nicht um das Abbild des Heiligtums, sondern um das wahre Heiligtum im Himmel. Dort ist er hineingegangen, um unserer Seele einen festen Anker der Hoffnung zu geben.

Des Weiteren betrat Jesus das Allerheiligste nicht wiederholt, wie es der Hohe Priester im Alten Testament tat, sondern ein für alle mal (vgl. Hebr 9,11-12). Das heißt, er ging einmal für sein Volk hinein, um niemals wieder herauszugehen.

Schließlich teilt uns der Autor des Hebräerbriefes mit, dass auch wir, durch das Blut Jesu, das Allerheiligste betreten haben (vgl. Hebr 10,19-20). Dort wird uns auch gesagt, dass der Vorhang den Leib Christi symbolisiert. Als Er sein Blut vergossen hat, riss der Vorhang entzwei. Der Weg in die Gegenwart Gottes war nun wiederhergestellt. Die bewachenden Cherubim mit ihren flammenden Schwertern wurden beseitigt. Was durch Adam verloren gegangen war, wurde durch Christus wiedererlangt. Soli Deo gloria.


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