Bin ich wirklich wiedergeboren?

Wir alle wissen, dass nicht jeder, der von sich behauptet ein gläubiger Christ zu sein, auch ein echter Nachfolger Jesu ist. Eine Studie von LifeWay Research aus dem Jahre 2017 fand heraus, dass 24% der Amerikaner sich als evangelikal bezeichnen. Ein höherer Prozentsatz behauptete gläubig zu sein. Aber als man sie danach fragte, konnten nur 15% der Amerikaner den grundlegendsten evangelikalen Glaubensüberzeugungen zustimmen.

Das ist kein neues Problem. Jeder, der lange genug Christ ist, kennt vermutlich jemanden, der von sich behauptet Christ zu sein, aber nicht an das glaubt, woran Christen eigentlich glauben oder aber christlichen Lehren zwar zustimmt, aber nur wenige bis gar keine Frucht aufweist. Es bestand schon immer eine Kluft zwischen denen, die von sich behauptet haben, gläubig zu sein und denjenigen, die es tatsächlich waren. Dies trifft auf jede Gemeinde zu. Das ist auch einer der Gründe, warum das stetige Predigen des Evangeliums notwendig ist. Je mehr das Evangelium gepredigt wird, desto schmaler wird die Kluft.

Wenn wir also anerkennen, dass diese Kluft existiert, wie können wir nun wissen, ob jemand der vorgibt wiedergeboren zu sein, es auch tatsächlich ist? Diejenigen, die wirklich wiedergeboren sind, besitzen den Heiligen Geist (vgl. Joh 3,5). Doch was bedeutet es, dass der Heilige Geist in uns lebt?

Grundsätzlich bedeutet es, dass der Heilige Geist die Augen und Ohren unserer Herzen von der moralischen Schönheit Jesu überzeugt.

Hierbei gilt es vier Unterscheidungsmerkmale zu beachten:

  • Erstens: das Mittel der Wiedergeburt ist eine Überzeugung des Glaubens
  • Zweitens: der Ort, an dem sie geschieht, ist das Herz
  • Drittens: die Erkenntnis ist die moralische Schönheit Jesu – ein wachsendes Verstehen seiner moralischen und geistlichen Güte
  • Viertens: die Auswirkung ist ein verändertes Verhalten, dass von einem zunehmenden Verlangen motiviert ist, heilig zu sein, weil Gott heilig ist.

Bist du tatsächlich überzeugt worden?

Zunächst einmal ist das Mittel, durch das die Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt wird, eine wachsende Überzeugung des Glaubens. Halten wir fest: „Der Glaube aber ist … ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Wahrer Glaube befähigt uns, zunehmend die Wahrheit durch Gottes Augen zu sehen – die göttliche Perspektive einzunehmen. Wir „schmecken und sehen, dass der HERR gütig ist“ (Ps 34,9). Die Wiedergeburt rüstet uns mit einem zunehmenden Sinn für geistliche Wahrheiten aus. Und dieses geistliche Schmecken geschieht hauptsächlich durch innere Überzeugungen.

Ich habe beispielsweise neulich Paulus’ Beschreibung von der Sündhaftigkeit des Menschen in Römer 3,9-20 gelesen. Als ich die Worte las „Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handelten sie trügerisch“, hat Gott mir gezeigt, dass dieses Bild oftmals auf mich zutrifft. Und dann hat mich der Gedanke überwältigt, dass Gott mich sogar selbst in diesem Zustand geliebt hat. Das Ergebnis war eine tiefere Überzeugung der Liebe und Gnade Gottes. Mich erfüllte eine neue Dankbarkeit und ich verspürte ein gesteigertes Verlangen, Gott zu dienen und für Ihn zu leben.

Dies geschieht, wenn der Heilige Geist zu uns spricht. Wir sehen geistliche Wahrheiten mit Gottes Augen. Unsere Überzeugungen sind gewissermaßen der Nebeneffekt.

Viele, die diese Zeilen lesen, haben ähnliches mit Gott erlebt. Es kann passieren während wir die Bibel lesen, einer Predigt zuhören, joggen, Autofahren oder das Wohnzimmer saugen.

Hat sich etwas in deinem Herzen verändert?

Diese Interaktion mit Gott geschieht im Herzen und betrifft nicht nur den Verstand. Es stimmt, dass Gott in der Heiligung unseren Verstand nicht einfach übergeht. Unser Intellekt ist wichtig. Doch obwohl die Überzeugung, die auf unsere Wiedergeburt hinweist, unseren Verstand betrifft, findet sie im Herzen statt. „Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit“ (Röm 10,10). Charles Spurgeon bemerkte: „Der Glaube ist der Kerzenständer, der die Kerze hält, welche die Kammer des Herzens erleuchtet.“

Wir gebrauchen den Ausdruck „von Herzen“ um etwas zu beschreiben, dass mit Enthusiasmus und Freude getan wird – etwas, was wir tun, weil wir es tun wollen. Im Gegensatz dazu sagen wir „mein Herz war nicht bei der Sache“ um auszudrücken, wenn wir etwas aus reinem Pflichtbewusstsein getan haben. Obwohl christliche Glaubensgrundsätze mit dem Verstand erfasst werden müssen, so ist der christliche Glaube im Grunde eine Herzenssache.

Vor unserer Bekehrung strebte unser Herz vielleicht nach materiellem Wohlstand, Bekanntheit, Unterhaltung oder beruflichen Erfolg. Nach unserer Bekehrung streben wir nach Gott selbst (und nicht nur nach seinen Gaben). Er wird zunehmend zur Freude unseres Herzens.

Wird Christus zunehmend schöner für dich?

Jede christliche Glaubensüberzeugung mündet letztendlich in der Erkenntnis der moralischen Schönheit Jesu Christi. Das ist deshalb wichtig, weil es möglich ist, in theologischen Fragen wie z.B. bezüglich der Endzeit oder Gemeindeleitung eine klare Meinung zu vertreten, ohne wiedergeboren zu sein. Aber du kannst nicht von der moralischen Schönheit, der vollkommenen Herrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit Christi überzeugt sein, ohne die inwendige Gegenwart des Heiligen Geistes.

Deshalb beschreibt Paulus die Wiedergeburt als ein Aufleuchten von der „Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (2Kor 4,6). Es ist eine zunehmende Überzeugung, dass Gott gut und vertrauenswürdig ist, dass ich mein ganzes Leben in seinen Dienst stellen kann und nicht enttäuscht werde. Diese Überzeugung von der Güte Gottes befreit mich dazu, Wagnisse einzugehen, die der Glaubensgehorsam mit sich bringt. Der Heilige Geist ist unsere Anzahlung auf unser ewiges Erbe (vgl. Eph 1,13-14).

Je mehr wir unseren Blick auf das Licht der Herrlichkeit Jesu richten, desto heller erstrahlt es. Bei meiner Bekehrung beispielsweise ging meine Erkenntnis nicht über die Grundlagen hinaus. Ich vertraute darauf, dass Gott mir meine Sünden vergeben hatte und mich liebte. Über die Jahre hinweg, hat Gott dieses Licht zunehmend heller gemacht. Nun sehe ich viel klarer die Herrlichkeit seiner Gerechtigkeit, die Tiefe seiner Heiligkeit und die Majestät seiner Souveränität. Mit jedem vertrauten Umgang mit Gott wächst meine Freude an seiner Güte und die Freude an der konsequenten Nachfolge nimmt zu.

Hat der Glaube an Christus dich verändert?

Viertens motiviert uns die Wiedergeburt, so heilig und gerecht zu sein wie Christus. Die Wiedergeburt und geistliche Frucht können nicht voneinander getrennt werden. Unsere Herzen können nicht eine wachsende Überzeugung über „die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ spüren, ohne dass es zur Nachahmung kommt. Das meint Paulus damit, wenn er später schreibt: „Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht“ (2Kor 3,18). Wir werden immer das Objekt unserer Anbetung imitieren. Deshalb ist Johannes unerbittlich, wenn er die Wiedergeburt mit einem veränderten Leben verbindet: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben; wer nicht liebt, bleibt im Tod“ (1Joh 3,14).

Bin ich wirklich wiedergeboren?

Tragischerweise werden einige, die wirklich wiedergeboren sind, dies lesen und ihre Errettung anzweifeln. Das ist nicht meine Absicht. Denn wir können uns unserer Wiedergeburt gewiss sein! Liebst du und vertraust du Christus heute mehr als du es noch vor zehn Jahren getan hast? Ja, auch ich habe Zweifel. Jeder Christ kommt irgendwann an diesen Punkt. Aber hat sich deine Sichtweise von Christus verändert? Verspürst du zunehmend das Verlangen, Ihn nachzuahmen? Ist er für dich zum Schatz im Acker geworden, für den du alles verkaufen würdest (vgl. Mt 13,44)?

Zweitens: Veränderst du dich? Ich frage nicht, ob du perfekt bist, sondern ob du dich veränderst? „Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, so erkennt, dass auch jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist“ (1Joh 2,29). Gehst du jetzt mit deinem Geld, deiner Zeit und deinen Gaben anders um als vor deiner Bekehrung? Wird deine Art zu reden immer gottesfürchtiger? Bist du bereitwilliger zu vergeben, die Feinde zu lieben und dich selbst aus deiner Komfortzone zu bewegen? Verändert sich die Art und Weise, wie du mit deinem Ehepartner umgehst, deinen Mitbewohnern, deinen Eltern? „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein [Gottes] Same bleibt in ihm; und er kann nicht [fortwährend] sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1Joh 3,9).

Drittens: Es gibt einen geistlichen Widerspruch: Wiedergeborene Menschen fühlen sich zunehmend unwürdig. Sie fühlen ihre Sünde intensiver, und somit auch ihre Abhängigkeit von Christus und seiner Gnade. Das ist deshalb der Fall, weil ihre Erkenntnis von Jesu Vollkommenheit viel schneller wächst als ihre Fähigkeit, sich zu verändern. Auch wenn ihnen vergeben ist und sie in der Erkenntnis Jesu wachsen, fühlen sie sich im Kontrast dazu doch zunehmend unwürdiger.

Gerettet zu guten Werken

Ausgehend von den Daten, der eingangs erwähnten Umfragen, folgert George Barna, dass „wenn man fünfzehn moralische Verhaltensweisen untersucht, diejenigen, die sich als wiedergeborene Christen bezeichnen, im Grunde nicht von ungläubigen Erwachsenen unterscheiden“.

Das wird man von denjenigen, die wirklich gläubig sind, nicht behaupten können. Eher im Gegenteil – sie werden zunehmend die Gemeinschaft mit Gott genießen. Und ein Gläubiger, der diese Gemeinschaft genießt, wird sich zwangsläufig verändern. „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt“ (1Joh 5,4). Das ist deshalb der Fall, weil Gott uns nicht grundlos errettet: „Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph 2,10).

Wenn der Heilige Geist in uns wohnt, dann überzeugt Er unsere geistlichen Augen und Ohren von der moralischen Schönheit Gottes und dadurch verändern wir uns mit der Zeit. „Der Kern der Bekehrung“, schreibt John Hanna in Gott sei die Ehre, „ist Gottes Geschenk eines neuen innewohnenden Prinzips im Herzen des Menschen. Dieses Prinzip ist das Leben Gottes; es ist die Liebe Gottes. Dies allein ist die Grundlage wahrer Tugend und Moral und ist das exklusive Mittel, um Gott zu verherrlichen.“

© Desiringgod. Die Wiedergabe erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.