wahre größe

5 Merkmale wahrer geistlicher Größe

Im Brief an Philemon lernen wir am Beispiel von Paulus wahre geistliche Größe kennen. Dieses Schreiben beinhaltet eine eindringliche Bitte unter Glaubensbrüdern. Paulus und Philemon kennen sich vermutlich aus Kolossä, wo Philemon durch Paulus’ Verkündigung zum Glauben an Jesus Christus kam. Schon in der Begrüßung klingt die Wertschätzung, Beziehung und Verbundenheit zwischen diesen Männern mit: „Paulus, Gefangener Christi Jesu, und Timotheus, der Bruder, an den lieben Philemon, unsern Mitarbeiter“ (Phim 1). Paulus betont seine aktuelle Lage, nicht seine Stellung.

Nach der Begrüßung und dem üblichen Segenszuspruch erfahren wir viel Gutes über Philemon. Obwohl der Brief von Paulus und Timotheus stammt, schreibt Paulus ab hier bis zum Schlussteil in der Ich-Form, sozusagen „unter 4-Augen“. 

„Ich danke meinem Gott allezeit, wenn ich deiner gedenke in meinen Gebeten – denn ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und zu allen Heiligen –, dass dein Glaube, den wir miteinander haben, kräftig werde in Erkenntnis all des Guten bei uns, auf Christus hin“ (Philemon 4-6).

Paulus stellt den gemeinsamen Glauben heraus und betet, dass Philemon darin wächst. Philemon besaß wahrscheinlich nicht nur viel Gutes in Christus, sondern war auch materiell sehr gesegnet. Er war Herr über ein Haus und besaß mindestens einen Sklaven – Onesimus, der eigentliche Grund, warum Paulus an Philemon schrieb. Beachten wir, was Paulus hier Freude bereitet. Dieser wohlhabende Mann fällt nicht durch seine Engherzigkeit auf, sondern durch die Liebe, mit der er andere ermutigt:

„Denn ich hatte große Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen erquickt sind durch dich, lieber Bruder“ (Philemon 7).

Solche Worte werden schnell überlesen oder klingen in unseren Ohren nicht besonders „spektakulär“. Es ist aber in Wahrheit eines der größten Wunder, wenn ein Mensch durch Gottes Gnade umgestaltet wird und Charaktereigenschaften wie Liebe, Geduld, Leidensfähigkeit, Weisheit, Gehorsam und vieles andere mehr zeigt.

Bei der Lebensumkehr eines Menschen zu Gott geschieht etwas Gewaltiges. Das steinerne Herz wird entfernt und durch ein „fleischernes“, das heißt ein lebendiges Herz ersetzt (vgl. Hes 11,19). Mit einem Mal wird der „Motor“ zur Veränderung angeschmissen und zum Laufen gebracht. Gläubige sind nicht anderen Menschen moralisch überlegen. Vielmehr sind sie wie ein Patient auf dem Weg der Besserung. Sie haben zwar noch mit Schuld, Sünde und Defiziten zu kämpfen, aber die Genesung, der Prozess der Heiligung schreitet Tag für Tag voran. Was für eine mutmachende Botschaft! Du bist „Privatpatient“ bei Gott selbst. Du liegst auf seiner Station mit Intensivbehandlung aber die Prognose ist gut, denn „mögen auch die Kräfte unseres äußeren Menschen aufgerieben werden – unser innerer Mensch wird Tag für Tag erneuert“ (2Kor 4,16).

Diese innere Erneuerung war bei Philemon schon durch seine Liebe und Freundlichkeit zu den Geschwistern sichtbar geworden. Vor diesem Hintergrund kommt Paulus jetzt zum eigentlichen Anliegen des Briefes. Fünf Wesensmerkmale geistlicher Größe möchte ich hier bei Paulus hervorheben:

1. Nicht auf den eigenen Vorteil bedacht sein

„Diesen Onesimus schicke ich nun zu dir zurück – ihn, der mir so ans Herz gewachsen ist“ (Philemon 12).

Onesimus, ein entlaufener Sklave ist mit Paulus in Kontakt gekommen, der sich gerade in Gefangenschaft befindet. Bei Paulus hat Onesimus zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden. Ob es ein bewusstes Aufsuchen war oder wie die genauen Umstände waren wissen wir letztendlich nicht. Aber Paulus kennt den irdischen Herrn von Onesimus, Philemon, und schickt ihn dorthin zurück. Das römische Recht verlangte die Auslieferung des Sklaven an seinen Herrn und Paulus ordnet sich dieser Gesetzgebung unter. Am liebsten hätte Paulus ihn bei sich behalten, da Onesimus ihm gute Dienste leistete, aber er schickte ihn zu Philemon zurück. Wahrscheinlich wurde er mit Tychikus, einem Mitarbeiter von Paulus, gemeinsam nach Kolossä losgeschickt (vgl. Kol 4,7). Paulus geht diesen bürokratisch korrekten „Umweg“, obwohl ihm seine Gefühle anders geraten hätten.

Auch wir machen die Erfahrung, dass uns rechtliche Bestimmungen, Gesetze und Verordnungen einschränken und unser Tempo ausbremsen können. Es werden unbequeme Wege in Kauf genommen, Zustimmungen müssen eingeholt, Formulare ausgefüllt und Gespräche mit Sachbearbeitern geführt werden. Was die Ergebnisse solcher Angelegenheiten angeht, haben wir vermutlich alle schon erlebt, dass nicht alles zu unseren Gunsten ausgeht. Im Wort Gottes werden wir jedoch wiederholt daran erinnert, dass es im Leben nicht allein auf die Ergebnisse ankommt und das möglichst alles „glatt läuft“, sondern dass wir in Treue und Wahrhaftigkeit gegenüber Gott unseren Weg gehen und ihm vertrauen. „Du aber vertrau auf den Herrn und tu Gutes. Bleib im Land, sei zuverlässig und treu“ (Ps 37,3).

2. Für andere Einstehen

„Es geht bei meiner Bitte um jemand, den ich als mein Kind betrachte, jemand, dessen Vater ich geworden bin, weil ich ihn hier im Gefängnis zum Glauben an Christus geführt habe; es geht um Onesimus. Er, ´der ‚Nützliche‘,` war dir früher zu nichts nütze, doch jetzt ist er sowohl dir als auch mir von großem Nutzen“ (Philemon 10-11)

Onesimus ist für Paulus wie ein Sohn geworden und der Apostel setzt sich voll für ihn ein. Er hat in diesen (wahrscheinlich) jungen Mann investiert und ihn im Glauben gefördert.

Hier spiegelt sich gewissermaßen auch unsere Geschichte wider. Auch wir waren einst Sklaven, unfreie Menschen ohne einen Fürsprecher. Wir hatten niemanden, der vor Gott unsere Interessen vertrat und für unseren „Mist“ geradestand. In Römer 6 wird beschrieben, dass wirMenschen immer jemandem dienen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wem wir dienen. Entweder sind wir gezwungen, der Sünde zu dienen,also für uns selbst und die Maßstäbe dieser Welt zu leben oderwir dienen Gott, der uns in seiner Hand hält und zum ewigen Leben führt. Wer in dieser Frage „postmoderne Grautöne“ oder sonstige Farbschattierungen sucht, wird keine finden. Jesus sagte einmal: „Ein Mensch kann nicht zwei Herren dienen. Er wird dem einen ergeben sein und den anderen abweisen. Für den einen wird er sich ganz einsetzen, und den anderen wird er verachten“ (Mt 6,24).

Wer Jesus begegnet, stellt fest, dass er bisher dem falschen Herrn gedient hat. Er wird frei, die Person zu werden, die Gott sich gedacht hat, ein Kind Gottes. Menschen im Stand der Gotteskindschaft sind vom Sklavendienst unter der Sünde befreit und haben in allen ihren Fehltritten einen Fürsprecher bei Gott. „Und wenn jemand doch eine Sünde begeht, haben wir einen Anwalt, der beim Vater für uns eintritt: Jesus Christus, den Gerechten“ (1Joh 2,1). Wie erstaunlich, dass Jesus vor dem Vater für uns eintritt und sein vollkommenes Opfer am Kreuz dazu in die Waagschale wirft! Dank sei Ihm dafür in alle Ewigkeit. 

3. Fürbitte für andere leisten

„Aus diesem Grund ´möchte ich dich nun um etwas bitten`. Ich könnte dir zwar auch befehlen, das zu tun, was ich für angemessen halte; unter Berufung auf Christus hätte ich die volle Freiheit dazu. Doch um der Liebe willen werde ich nur eine Bitte äußern. Ich tue es als der Ältere von uns beiden; ich tue es als der Paulus, der jetzt sogar für Jesus Christus im Gefängnis ist“ (Philemon 8-9).

Paulus nimmt davon Abstand, Philemonetwas anordnen oder einen persönlichen Gefallen argumentativ „durchzudrücken“ zu wollen. Er setzt voraus, dass Philemon ihm etwas schuldig ist, weil er ihm das Evangelium überbracht hat. Trotzdem gesteht er Philemon die Freiheit zu, selbst zu entscheiden, wie er auf Paulus’ Bitte reagieren möchte. Der Apostel bittet hier sehr demütig.

Anhand der Formulierungen sehen wir, dass hier mehr als allein die sachlich-rechtliche Ebene eine Rolle spielt. Es geht um einen Ermessensspielraum, wie mit solch einer konfliktträchtigen Frage unter Glaubensgeschwistern umzugehen ist. Es geht um Achtsamkeit auf Gottes Weisheit, um Geschwisterliebe und die Führung des Heiligen Geistes.

Wir wissen letztendlich nicht, wie die Angelegenheit um Onesimus ausgegangen ist, ob Philemon im Sinne von Paulus seinem Anliegen gehandelt hat oder nicht. Hier lag es im Ermessen von Philemon, wie er mit dieser Bitte umgehen wollte. In anderen Fragen gibt es diesen Spielraum nicht, sondern es geht darum, seiner Schuldigkeit in einem bestimmten Bereich nachzukommen. Paulus schreibt in Römer 13,7: „Gebt jedem das, was ihr ihm schuldet: Zahlt dem, der Steuern einzieht, die Steuern, zahlt dem Zollbeamten den Zoll, erweist dem Respekt, dem Respekt zusteht, und erweist dem Ehre, dem Ehre zusteht.“

Aber ein jeder von uns hat von Zeit zu Zeit Fragen auf dem Tisch zu liegen, die nicht durch eine klare biblische Vorschrift geregelt sind. Bei den Fragen, zu denen es keine klare Anweisung in der Bibel gibt, fasse Mut, vertrauensvoll und mit einem betenden Herzen den Weg weiter zu gehen. Gott wird dich führen. Er sagt in seinem Wort: „Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deinen Verstand! All auf all deinen Wegen erkenne nur ihn, dann ebnet er selbst deine Pfade!“ (Spr 3,5-6).

4. Die geistlichen Bedürfnisse anderer sehen

„Er, ´der ‚Nützliche‘,` war dir früher zu nichts nütze, doch jetzt ist er sowohl dir als auch mir von großem Nutzen. Und wer weiß? Vielleicht ist er deshalb eine kurze Zeit von dir getrennt gewesen, weil du ihn nun für immer bei dir haben sollst – nicht mehr als einen Sklaven, sondern als etwas weit Besseres: als einen geliebten Bruder. Wenn er das schon für mich in so hohem Maß ist, wie viel mehr wird er es dann für dich sein! Denn mit dir ist er sowohl durch die irdischen Verhältnisse als auch durch die Zugehörigkeit zum Herrn verbunden“ (Philemon 15-16).

Wir wissen nicht, wie es um die Gefühlswelt von Philemon bestellt und was im Zusammenhang mit der Flucht seines Sklaven alles vorgefallen war. Aber Paulus sorgt sich nicht um die persönliche, sondern um die geistliche Befindlichkeit Philemons. Er möchte den Blick darauf lenken, was Gott getan hat und weiterhin tut. Philemon soll die Handschrift Gottes in den Geschehnissen erkennen.

„Nichtsnutz“ oder „nichtsnutziger Sklave“ waren im damaligen Kontext bekannte Redensarten. Sklaven, die ihrerseits ausgenutzt wurden, waren oftmals selbst bestrebt, ihre Herren auszunutzen, indem sie versuchten, sich möglichst viel vor der Arbeit zu drücken. Onesimus (bedeutet: der Nützliche) aber wurde durch Gottes Gnade für sein Umfeld und das Reich Gottes zu einem echten Nutzen. Der Glaube an Jesus führt zu einer veränderten Einstellung zur Arbeit und zum Leben überhaupt. Onesimus ist jedoch nicht nur nützlich, sondern auch zu einem geliebtem Bruder geworden. Eine zeitlang getrennt, sind Philemon und Onesimus nun durch Gottes Gnade für immer geistlich miteinander verbunden. In seiner Souveränität hatte Gott Onesimus in schwieriger Lage zu Paulus geführt, wo er ein Gotteskind wurde und eine neue Stellung in Christus erlangte. Äußerlich war er zwar noch ein Sklave, aber im Himmel wurde er bereits als vollwertiger Bürger anerkannt.

Anhand dieser Geschichte müssen wir uns vor Augen halten, dass Gott immer wieder anders Geschichte schreibt, als wir es vermuten würden. Gott ist nicht unseren begrenzten Vorstellungen verpflichtet, sondern wirkt auf eine Weise, wie wir es oftmals nicht für möglich halten. Die Botschaft des Evangeliums ist dafür das beste Beispiel. In den Augen der Menschheit ist die Botschaft des gekreuzigten Christus eine Torheit. Und doch wollte Gott gerade in dieser Situation seinen Plan und seine Gerechtigkeit zeigen und alle begnadigen, die der Botschaft vom Kreuz glauben (vgl. 1Kor 1,18).

5. Christus-Gesinnt sein

„Und sollte er dir irgendein Unrecht zugefügt haben oder dir etwas schulden, stell es mir in Rechnung! Ich, Paulus, werde die Schuld begleichen; ich schreibe es hier mit eigener Hand“ (Philemon 18-19).

Paulus erklärt sich bereit, finanziell für Onesimus geradezustehen.Es geht um Schadensersatz für finanzielle Einbußen. Dazu setzte der Apostel, wie damals üblich, seine eigene Unterschrift unter die Schulderklärung. Entlaufene Sklaven wurden oft hart und grausam bestraft und im wahrsten Sinne des Wortes „gebrandmarkt“. Hier ging es also um wirklich viel für Onesimus. Paulus tätigt diese Schulderklärung im Glauben und in der Erwartung, dass Philemon keinen Gebrauch davon macht. Er plädiert auf Einsicht bei Philemon bzgl. seiner Schuldigkeit dem gegenüber, der ihm das Wort Gottes gebracht und ihn im Glauben unterwiesen hat.Wahrscheinlich war Paulus in Gefangenschaft mittellos. Deshalb erinnert er Philemon an die Tatsache, dass sie Brüder im Glauben sind. In der aufopfernden Fürsprache für Onesimus erkennen wir die Dynamik seiner großen Barmherzigkeit und Liebe. Wir sehen die Gesinnung von Jesus, die auch Paulus zu eigen war.

Jesus war bereit, sich unsere Verschuldungen und Gesetzesübertretungen auf seine Rechnung schreiben zu lassen.Einst saßen, aßen und vergnügten wir uns ohne Gott. Wir ließen Jesus am „Nebentisch“ unseres Lebens sitzen. Aber als die kostspielige Rechnung für unseren eigensinnigen Lebensstil ausgestellt wurde, da stand er auf und zahlte sie. Er war bereit, die Kosten zu übernehmen, die wir in Ewigkeit bei Gott nicht hätten begleichen können.

Der Philemonbrief ist ein kurzes aber anschauliches Schreiben, dass uns wahre geistliche Größe ganz praktisch vor Augen führt. In seiner Gnade gebrauchte Gott die Umstände von Philemon, Paulus und Onesimus, um daraus etwas zu seiner Ehre zu machen. Fragen wir uns abschließend: In welche Umstände hat Gott mich gerade gestellt, in denen ich geistlich wachsen kann?


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