Das große Verlangen christlicher Eltern ist, dass unsere Kinder in der Gottesfurcht heranwachsen. Während sie unter unserer Fürsorge sind, beten wir, dass sie Jesus als ihren Herrn bekennen, sein Wort wertschätzen und zunehmend in das Bild dieses großartigen Retters umgestaltet werden. Und während wir beten, arbeiten wir hart daran, sie in gesunder Lehre zu unterweisen, damit sie ihre Wurzeln in Gottes Wort schlagen und sie so zum Besten erzogen werden.

Doch alle christlichen Eltern wissen, dass der Tag kommt, an dem wir unsere Kinder loslassen müssen und sie in die Welt hinausgehen. Wenn dieser Tag kommt, dann hoffen wir inständig, dass unsere Kinder all das, was wir versucht hatten, ihnen mit auf den Weg zu geben, niemals vergessen. Dies ist eine schwierige Zeit; denn auch wenn unsere Kinder sich auf die Welt und ihre Versuchungen einlassen, sind wir herausgefordert, ihnen unentwegt unsere bedingungslose Liebe entgegenzubringen, um ihnen dadurch ein Beispiel für die unendliche Liebe des himmlischen Vaters zu geben.

 

Ein glückliches Zuhause

John Gresham Machen wurde am 28. Juli 1881 in Baltimore, Maryland, als zweiter von drei Söhnen von Arthur und Mary Machen geboren. Arthur war praktizierender Anwalt. Er hatte in Harvard studiert und unterhielt eine sehr erfolgreiche Kanzlei. Sein Hobby galt dem Erlernen von Sprachen, wodurch er fließend Englisch, Latein, Griechisch, Französisch und Italienisch sprechen konnte. Mary, die von allen nur Minnie genannt wurde, war ihrem Mann an Intellekt und der Liebe zum Studieren ebenbürtig. Sie wurde in eine privilegierte Familie hineingeboren, die ihr Geld durch das Baumwollgeschäft und durch Anteile an der Eisenbahngesellschaft verdiente und trotz ihres guten gesellschaftlichen Standes waren Minnies Eltern hingegebene und treue Nachfolger Jesu. Minnie war 19 Jahre jünger als Arthur. Als sie im Jahre 1873 heirateten, war er 45 und sie 24 Jahre alt. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Arthur Junior, John Gresham und Thomas.

Greshams frühes Leben war geprägt von Behaglichkeit und Wohlstand, doch auch von geistlicher Andacht und bibeltreuer Theologie in der örtlichen Kirche, die sie als Familie besuchten. Minnie, zu der Gresham immer eine besondere Beziehung hatte, übte einen entscheidenden Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes aus. Auf ihren Knien lernte er sowohl die Bibel als auch das praktische christliche Leben kennen. Besonders angetan war er von John Bunyans „Pilgerreise“. Minnie unterrichtete ihre Söhne regelmäßig im Westminster Katechismus, bereitete für sie Bibellektionen und Diskussionen vor und später betreute sie auch deren Ausbildung und Studium. Es dauerte nicht lange, bis Gresham selbst als ein sehr gelehrter Schüler bekannt war. Angefangen bei Geometrie bis hin zu Griechisch war er der Beste seiner Klasse. Doch auch in der Gemeinde war er schon mit 15 Jahren ein geschätztes Mitglied, das sich durch Demut und gute Bibelkenntnis auszeichnete.

Zu dieser Zeit konnten weder er noch seine Eltern ahnen, wohin ihn sein Lebensweg führen würde. Gresham sollte einer der wichtigsten Lehrer des Neuen Testamentes für das 20. Jahrhundert und ein treuer Verteidiger des wahren christlichen Glaubens und der Zuverlässigkeit der Bibel werden, angesichts der aufkommenden liberalen Theologie. Allerdings können wir sein späteres Leben nicht wirklich verstehen, ohne zuvor einen Blick auf seine ersten Konfrontationen mit der wachsenden liberalen Bewegung und sein anfängliches Interesse an ihr zu werfen.

 

Die Kraft einer seelsorgerlichen Mutter

Nachdem er die Schule mit überragenden Noten abgeschlossen hatte, ging Gresham an die Universität, wo er ebenfalls mit Auszeichnungen absolvierte. Da er dachte, in die Fußstapfen seines Vaters treten zu müssen, strebte er internationales Recht und Bankwesen an, doch entschied er sich nach einem Gespräch mit seinen Eltern und seinem Pastor dazu, sich stattdessen am Princeton Theological Seminary einzuschreiben, jedoch ohne den Wunsch danach in den pastoralen Dienst einzusteigen.

Im Jahr 1905 entschied Machen, für ein Jahr in Deutschland zu studieren. Doch dort sollte die biblische Unterweisung seiner Mutter, die er als Kind erhalten hatte, unerwartet herausgefordert werden. Und zwar in Gestalt der deutschen liberalen Theologie, insbesondere die historisch kritische Bibelauslegung und der offen bekannte Zweifel der Dozenten über die leibliche Auferstehung Jesu. Zuhause war ihm beigebracht worden, wie er den Behauptungen des Liberalismus entgegentreten konnte. Aber er war nicht darauf vorbereitet gewesen, diesem Liberalismus in der Gestalt seiner Professoren zu begegnen – Männer, die offenherzig und freundlich waren und die ihm als vorbildliche Christen erschienen. Von einem dieser liberalen Theologen schrieb er: „Herrmann glaubt nur sehr wenig von dem, was wir zuhause als fundamental für den christlichen Glauben ansehen; dennoch hege ich keinen Zweifel daran, dass er ein echter Christ ist und zwar ein besonders ernster Christ.“ Gresham lauschte der Theologie dieses Mannes, die man in seinen Kreisen als unbiblisch bezeichnete, und sah, dass der Glaube des Mannes so viel tiefer und wärmer war als sein eigener. Konnte es sein, dass der Liberalismus doch keine Bedrohung für den christlichen Glauben darstellte, sondern ein Mittel war, ihn zu entschlüsseln?

Als Gresham begann, sich kritisch mit dem Liberalismus auseinanderzusetzen, wurde er schnell von ihm angezogen. Er fühlte sich, als stünde er zwischen zwei konkurrierenden Verständnissen des christlichen Glaubens: dem traditionellen, das aber mitunter als schwer verdaulich angesehen wurde, und dem modernen, das so erfrischend schien und von allen in seinem neuen Umfeld respektiert wurde. Während dieser Krise suchte er vermehrt den Kontakt zu seiner Mutter, die er noch immer sehr bewunderte und deren Weisheit er vertraute. Minnie kämpfte mit wachsender Sorge gegen die Zweifel ihres Sohnes. Aber weil sie tief in Gottes Verheißungen verwurzelt war, wusste sie, dass es nicht nötig war, in Panik zu geraten und ihrem Sohn Vorwürfe oder Zurechtweisungen zu erteilen. Nein, sie suchte stattdessen Ruhe in der Gnade Gottes und entschied sich, ihm mit Trost und mit unerschütterlicher Liebe zu begegnen. Sie schrieb ihm: „Eines kann ich dir versichern: nichts, was du tust, wird mich davon abhalten können dich zu lieben! Es ist leicht, mich zu betrüben. Ja, und vielleicht mache ich mir auch zu viele Sorgen. Aber meine Liebe zu dir, mein Sohn, ist unzerstörbar. Vertraue darauf, was immer auch kommt. Und ich vertraue darauf, dass Gott dich für dein Werk stärken wird – was es auch sein mag –, und dass der Weg sich dir öffnen wird.“

Von der tiefen Liebe seiner Mutter gepackt, konnte Gresham, gemeinsam mit dem Rat anderer gottesfürchtiger Freunde, seine Krise schnell überwinden und er kehrte zur gesunden Lehre der Unfehlbarkeit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift zurück, in der seine Eltern ihn erzogen hatten. Mit Gottes Hilfe gewann die Kombination aus Erziehung und Warmherzigkeit ihn zurück zu seinen geistlichen Wurzeln.

Schon bald darauf nahm Gresham eine Stelle in Princeton an, wo er Vorlesungen zum Neuen Testament hielt. Sowohl unter den Dozenten als auch unter den Studenten war er sehr beliebt und geschätzt. Bis ins Jahr 1926 unterrichtete er in Princeton; doch während dieser Zeit setzte die liberale Theologie ihren Aufstieg fort, sodass Gresham und andere gottesfürchtige Brüder zum Handeln gezwungen waren. Es führte so weit, dass Gresham im Jahr 1929 die Leitung bei der Gründung des Westminster Theological Seminary übernahm, da das Princeton Seminar sich mittlerweile dem Trend der liberalen Theologie angepasst und ihr unterworfen hatte.

Da Gresham sein Leben lang unverheiratet blieb, war seine Mutter die wichtigste Frau in seinem Leben; bis zu ihrem Tod im Jahre 1931. Gresham bekannte, dass dies das schmerzlichste Ereignis war, das er jemals erlebte, denn niemand stand ihm so nah, wie seine Mutter, niemand war so unerschütterlich loyal zu ihm und ermutigte ihn so sehr, wie sie es tat. Einmal schrieb sie ihm folgende Zeilen: „Ich kann nicht die Hälfte meines Stolzes und meiner Freude über dein Werk zum Ausdruck bringen. Du bist auf eine sehr gute Weise das wichtigste Problem unserer Zeit angegangen und hast meinen eigenen Empfindungen eine Stimme gegeben, viel besser, als ich es jemals könnte.“ Am Tag ihrer Beerdigung schrieb Gresham: „Meine Mutter war der weiseste und beste Mensch, den ich jemals gekannt habe.“

Gott gebrauchte Minnies kraftvollen Intellekt und ihre Warmherzigkeit, um einen Mann heranzuziehen, der einer ganzen Generation der Gemeinde Christi durch seinen unermüdlichen Kampf in der Verteidigung des Glaubens einen großen Dienst erwies. Und Gott gebraucht, solche Mütter auch heute noch!

Liebe Mütter, während Ihr damit kämpft, eure Kinder im Wort und in der gesunden Lehre zu unterweisen, lernt von Minnie, dass Ihr durch eure Mühen ein starkes Fundament für die Zukunft legt. Während Ihr euch darum bemüht, euren stolpernden und schwächelnden Kindern anhaltende Liebe entgegenzubringen, lernt von Minnie, dass Gott oft gerade die Warmherzigkeit einer Mutter gebraucht, um Seine Kinder zu Sich zurück zu ziehen. Durch eure Erziehung und eure Liebe, seid Ihr Nachahmer des himmlischen Vaters.

Minnie war der erste Lehrer ihres Sohnes. Und gemeinsam mit ihrem Ehemann durfte sie ihn durch Gottes Gnade zu Christus führen. „Hättet Ihr, du und Mutter, mir nicht all das als geistliche Lebensgrundlage gegeben,“ bekannte Gresham seinem Vater, „dann hätte ich schon längst jeden Gedanken an Religion oder an ein moralisches Leben aufgegeben. Das einzige, was dazu geführt hat, dass ich bei all den Irrwegen doch den richtigen Weg eingeschlagen habe, war eure beständige Gegenwart im Geist – durch eure Gebete und durch die christliche Lehre, die Ihr mir beigebracht habt.“ In Zeiten der größten Not hatten seine Eltern ihn mit Liebe getröstet und ihn mit dem Wort Gottes beraten. Sie blieben stets bei ihm, in jeder Krise und in jeder Auseinandersetzung, die er durchmachte. In Greshams größtem und wichtigstem Werk über „Christentum und Liberalismus“ findet sich auf der ersten Seite die passende Widmung: „Für meine Mutter.“

 

Dieser Artikel, erschinen in der »Herold«-Ausgabe von September 2017, stammt von Tim Challies (www.challies.com) aus der Reihe „Christian Men and their Godly Moms“. Die Wiedergabe der gesamten Reihe in der Printausgabe der Zeitschrift »Herold« erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Tim Challies.

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Kategorie

Artikel, Betende Mütter