„Der Herr ist mein Hirte“ (V. 1). Wieviel Herablassung liegt darin, dass sich der erhabene Gott zum Hirten seines Volkes macht! Tiefe Dankbarkeit sollte uns erfüllen, dass der große Gott auf diese Weise seine Liebe und Fürsorge für sein Volk offenbart. David ist selbst ein Hirte gewesen. Er kannte die Bedürfnisse der Schafe und die Pflichten des Hirten. Er vergleicht sich mit diesen schwachen, wehrlosen Geschöpfen und wendet sich an Gott als seinen Versorger, Erhalter und Führer. Gott ist ihm wirklich alles. Aber niemand hat das Recht, sich als Schaf des Herrn zu betrachten, wenn sein innerstes Wesen nicht erneuert ist. Die Bibel schildert unbekehrte Menschen nicht als Schafe, sondern als Wölfe oder Böcke. Das Schaf aber ist nicht ein wildes Tier, sondern gehört zu den Haustieren. Für den Besitzer ist es sehr wertvoll, weil es für einen teuren Preis gekauft worden ist. In diesem ersten Satz unseres Psalms liegt ein starkes Vertrauen. Es gibt kein Wenn und Aber; es heißt nicht: „Ich hoffe, dass …“, sondern der Psalmist sagt: „Der Herr ist mein Hirte.“ Dieses völlige Vertrauen auf den himmlischen Vater sollte uns erfüllen! Das schönste Wort in dem ganzen Satz ist aber das „mein“. David sagt nicht: „Der Herr ist der Hirte der ganzen Welt und leitet die Massen als seine Herde“, sondern: „Der Herr ist mein Hirte“, Er sorgt für mich, Er wacht über mich, Er erhält mich. Alle Zeitwörter in diesem Psalm stehen in der Gegenwartsform. In welcher Lage sich der Gläubige auch befindet, er steht immer und gerade jetzt unter der Fürsorge des großen Hirten.

Die nächsten Worte sind eine Folgerung aus diesem ersten Satz. „Mir wird nichts mangeln.“ Ich würde wohl Mangel leiden, aber weil der Herr mein Hirte ist, kann Er alle meine Bedürfnisse stillen. Ich werde keinen Mangel an irdischen Gutem haben. Ernährt Gott nicht die Raben und lässt Er nicht die Lilien auf dem Felde wachsen? Ich werde keinen Mangel an geistlichen Gütern haben, denn ich weiß, dass seine Gnade für mich genügt. Vielleicht habe ich nicht alles, was ich mir wünsche, aber „mir wird nichts mangeln!“ Andere müssen Mangel leiden, die vielleicht reicher und mächtiger sind als ich. „Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut“ (Psalm 34,11 LUT). David sagt nicht nur: „Mir mangelt nichts.“ Er sagt: „Mir wird nichts mangeln“ – komme, was will! Vielleicht verwüstet eine Hungersnot das Land oder ein Unglück zerstört die Stadt – mir wird nichts mangeln. Das Alter mit seinen Gebrechen wird daran nichts ändern, und sogar der Tod mit seinen Schrecken wird mir Gott nicht nehmen können. In Ihm habe ich alles, und das im Überfluss. Nicht deshalb, weil ich ein großes Bankkonto besitze oder fleißig arbeite, sondern weil der HERR mein Hirte ist.

„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillem Wasser“ (V. 2). Das Leben des Gläubigen ist von zwei Dingen gekennzeichnet: vom inneren Frieden und vom äußeren Handeln. Den inneren Frieden finden wir in den Worten: „Er weidet mich auf einer grünen Aue.“ Die „grünen Auen“ sind das Wort Gottes. Es ist immer reichlich davon vorhanden und es ernährt uns wie kein anderes Wort! Das Evangelium des Wortes Gottes ist die beste Nahrung für das Herz. Wenn wir uns durch den Glauben die Verheißungen Gottes aneignen und darin unsere Ruhe finden, gleichen wir den Schafen, die sich auf der Weide unter der Obhut des Hirten niederlegen; denn „Er weidet mich“ zeigt, dass der HERR selbst es ist, der uns die Erkenntnis seines Wortes schenkt. Wie dankbar sollten wir ihm dafür sein! Er macht es uns möglich, auf seine Verheißungen zu vertrauen. Wie viele Menschen gibt es, die alles dafür geben würden, um dieses Vertrauen zu erleben! Sie kennen zwar die grünen Auen des Wortes, aber sie finden darin keine Ruhe. Wer das Glück der Heilsgewissheit erfahren darf, sollte seinem gnädigen Gott von ganzem Herzen dafür danken.

Die andere Seite des gesunden christlichen Lebens besteht im äußeren Handeln. Wir glauben nicht nur, sondern handeln auch. Wir legen uns nicht nur nieder, um zu essen, sondern wir wandern auch weiter, dem Ziel der Vollkommenheit entgegen. Deshalb lesen wir: „Er führet mich zum stillen Wasser!“ Hierin sehen wir den Einfluss und die Gaben des Heiligen Geistes. Der Geist Gottes hilft uns in allen Dingen. Er ist dem Wasser vergleichbar, das uns reinigt, erfrischt, und das Wachstum fördert. Die Wasser des Geistes sind „stille“ Wasser. Der Heilige Geist liebt den Frieden und schmettert keine Posaunentöne, wenn Er wirkt. Er kann unser Herz erfüllen, ohne dass unser Nachbar, der neben uns sitzt, sofort etwas davon merkt. Stille Wasser sind tief. Der Heilige Geist führt die zu den friedlichen Wassern heiliger Liebe. Er ist eine Taube, kein Adler; Er ist der Tau, nicht der Sturm. Unser Hirte selbst führt uns zu diesem stillen Wasser. Wir könnten es niemals alleine finden, wir brauchen seine Führung. Deshalb heißt es: „Er führt mich …“ durch sein Vorbild und durch das zarte Leiten seiner Liebe.

„Er erquicket meine Seele“ (V. 3a). Wenn wir mit Kummer beladen sind, richtet Er uns auf; wenn wir gesündigt haben, reinigt Er uns von all unserer Schuld; wenn wir schwach sind, ist Er unsere Stärke. Wir können nichts ohne Ihn tun! Sind wir niedergeschlagen? Spüren wir, dass in unserem geistlichen Leben Ebbe ist? Er, der die Ebbe wieder zur Flut macht, kann auch deine Seele wieder neu beleben. Bitte ihn darum; Er wird es sicher gerne tun!

„Er führet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen“ (V. 3b). Für den Gläubigen ist es eine Freude, gehorsam zu sein und so aus Liebe dem Vorbild seines HERRN zu folgen. Der Gläubige gehorcht nicht einigen Geboten und vernachlässigt andere; er sucht sich nicht einige heraus, die ihm passen, sondern ist allen Geboten gehorsam.

Manche Gläubige übersehen den Segen der Heiligung. Dabei ist gerade die Heiligung eine der besten Gnadengaben Gottes an seine Gemeinde – ein Geschenk seiner freien Gnade! Wir sollten den Namen unseres großen Hirten ehren, indem wir ein heiliges Volk sind, das auf den schmalen Pfaden der Gerechtigkeit wandelt.

„Und ob ich schon wanderte im Tal der Todesschatten, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ (V. 4). Dieser unbeschreiblich herrliche Vers wurde schon an unzähligen Sterbebetten gesprochen und hat das finstere Tal hell gemacht. Jedes einzelne Wort trägt einen Reichtum an Bedeutung in sich. „Und ob ich schon wanderte“ – so, als ob der Gläubige seinen Schritt nicht beschleunigte, wenn es ans Sterben geht, sondern ruhig mit Gott weiterwanderte. Das Wandern bezeichnet das ruhige Vorwärtsschreiten des gläubigen Herzens, das seinen Weg und das Ziel genau kennt. Es fühlt sich vollkommen sicher und ist deshalb völlig ruhig. Der sterbende Gläubige regt sich nicht auf; er hetzt und jagt nicht und bleibt auch nicht vor Angst stehen. Er weiß, dass er durch das Tal hindurchgeht und nicht darin bleibt. Wir gehen durch die dunkle Schlucht des Todes und treten hinaus in das Licht der Unsterblichkeit. Wir sterben nicht, sondern schlafen nur, um in der Herrlichkeit aufzuwachen. Der Tod ist nur die Vorhalle, nur der Durchgang und nicht das Ziel. Das „Tal“, durch das der Hirte seine Schafe führt, ist nicht das „Tal des Todes“, sondern nur das „Tal der Todesschatten“. Der Tod ist dem Wesen nach abgeschafft, nur der Schatten davon ist noch geblieben. Niemand fürchtet sich vor einem Schatten. Der Schatten eines Hundes kann nicht beißen, der Schatten eines Schwertes nicht töten, der Schatten des Todes uns nicht vernichten. Wir wollen uns deshalb nicht fürchten. „Ich fürchte kein Unglück.“ Das heißt nicht, dass es kein Unglück gibt, aber der Gläubige weiß, dass Jesus alles Böse hinweggenommen hat, und fürchtet sich deshalb nicht mehr. „Denn du bist bei mir.“ Das ist die Freude des Gläubigen! „Du bist bei mir.“ Ein kleines Kind schläft sicher im Arm der Mutter, auch wenn Gefahr droht. Es ist genug, dass sie da ist. Es sollte dem Gläubigen genug sein, dass Christus da ist. „Du bist bei mir; ich habe alles, was ich brauche, in dir. Ich bin ganz getröstet und vollkommen sicher, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab“, mit denen du deine Herde leitest und beschützt, sind die Zeichen deiner Macht und deiner Liebe. „Sie trösten mich“, denn ich vertraue darauf, dass du auch heute noch regierst. Dein Stab soll auch über mir sein und mich leiten.

„Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde“ (V. 5a). Auch ein guter Mensch hat Feinde. Es wäre für einen Christen unnatürlich, wenn er keine Feinde in der Welt hätte, denn die Freundschaft mit der Welt ist Feindschaft gegenüber Gott. Aber sehen wir, wie ruhig der gottesfürchtige David trotz seiner Feinde ist: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Wenn ein Soldat seine Feinde vor Augen hat, isst er hastig einige Bissen und eilt sofort in den Kampf. David aber sagt; „Du bereitest vor mir einen Tisch …“ Man sieht es vorm geistlichen Auge, wie Gott – wie ein Diener – das Tischtuch ausbreitet, die Tafel festlich schmückt und ein friedliches Fest zurichtet. Kein Anzeichen von Eile, keine Verwirrung und keine Störung. Der Feind steht vor der Tür, aber Gott bereitet einen Tisch, und der Gläubige setzt sich ruhig nieder und isst in der Gegenwart seines Gottes. Wie wunderbar ist doch dieser Frieden, den der Herr seinem Volk schenkt – selbst in den schwierigsten Stunden!

„Du salbst mein Haupt mit Öl …“ (V. 5b). Lasst uns täglich in dieser Freude über Gottes reichen Segen leben! Wir brauchen täglich Gottes Öl der Gnade, um unsere alltäglichen Pflichten bewältigen zu können. Jeder Gläubige ist ein Priester, aber er kann sein priesterliches Amt nicht ohne Salbung ausüben. Deshalb müssen wir Tag für Tag den Heiligen Geist bitten, dass Er unser Haupt mit heiligem öl salbt. Wie einem Priester ein wichtiges Arbeitsmittel fehlt, wenn sein Öl nicht zur Hand ist, so fehlt auch dem Priester des neuen Bundes die Haupteignung zum Dienst, wenn er nicht immer wieder neu mit Gnade erfüllt wird.

„… mein Becher fließt über“ (V. 5c). Der Gläubige hat in Christus nicht nur genug, er hat mehr als genug. Der Becher der Gnade und des geistlichen Segens, den Gott ihm darreicht, ist überfließend! Das kann der arme Christ ebenso von sich sagen wie der reiche. Wichtig ist, dass wir zufrieden sind mit dem, was Gott uns zu geben beschlossen hat. Der Becher der Unzufriedenheit wird niemals voll sein – er hat einen Sprung und leckt. Zufriedenheit aber ist weit kostbarer als ein ganzes Königreich.

„Nur Güte und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ (V. 6). Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Nur Güte und Barmherzigkeit sollen unseren ganzen Lebenslauf kennzeichnen. Diese beiden werden mich überall hinbegleiten. Wenn große Staatsmänner auf Reisen gehen, sind sie nie ohne Begleitung. So ist es auch mit dem Gläubigen; ihm folgen Güte und Barmherzigkeit alle Tage seines Lebens – an dunklen Tagen wie an hellen. Güte erfüllt unsere Bedürfnisse, Barmherzigkeit tilgt unsere Sünden.

Zu den Worten: „Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ fallen mir die Worte des Herrn Jesus ein, der zu seinen Jüngern sagte: „Der Knecht bleibt nicht ewiglich im Haus; der Sohn aber bleibt ewiglich“ (Joh 8,35). Solange ich hier auf Erden bin, will ich als ein Kind bei Gott zu Hause sein. Die ganze Welt ist für mich sein Haus. Und wenn ich einmal in die oberen Wohnungen einziehe, bleibe ich auch dort in Gemeinschaft mit Gott. Ich gehe nicht in ein anderes Haus, sondern ziehe nur um in die oberen Wohnungen im Hause des Herrn, um dort für immer bei Ihm zu wohnen.

 

 

Spurgeon

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