Eine der größten Wiederentdeckungen der Reformation war ein biblisches Verständnis von Berufung. Vor der Reformation galten nur diejenigen als „berufen“, die sich im vollzeitlichen Kirchendienst befanden – also Mönche, Nonnen oder Priester. Gene Veith schreibt über diese Zeit:

„Ein gewöhnliches Arbeitsleben – zum Beispiel als Bauer, Küchenmädchen, Schmied oder Schneider, als Soldat oder sogar König – wurde zwar als notwendig, aber zugleich auch als weltlich angesehen. Solche Menschen konnten zwar errettet sein, doch sie gehörten schlichtweg zur Welt. Wer sich völlig Gott zur Verfügung stellen und ein wahrhaft geistliches Leben führen wollte, der musste sich auch vollzeitlich in den Dienst der Kirche stellen.“

Als die Reformatoren die kirchlichen Traditionen hinterfragten, und sich dem Zeugnis der Heiligen Schrift zuwandten (in dem Vertrauen, dass hier allein und vollkommen göttliche Autorität zu finden ist), da entdeckten sie, dass der vollzeitliche geistliche Dienst zwar eine Berufung, aber bei Weitem nicht die einzige Berufung ist. Sie erkannten, dass jeder von uns berufen ist, und dass jede Berufung vor Gott Wert und Bestimmung hat. Das bedeutet: Jeder von uns kann Gott in der Arbeit verherrlichen, die er ausübt.

Die Verirrung in diesem Punkt war nicht nur auf die damalige Zeit beschränkt. Wir alle stehen in der Gefahr, den Blick für wahres geistliches Leben zu verlieren, wenn wir uns nicht ständig der Heiligen Schrift zuwenden, mit dem Wunsch und Ziel, dass sie unser Denken prägt und korrigiert. Ich finde es sehr ermutigend, zu sehen, dass mehr und mehr christliche Pastoren und Autoren davon sprechen, was es bedeutet, ein gewöhnlicher Christ zu sein, mit einer gewöhnlichen Arbeit als Teil eines gewöhnlichen Lebens. Es ist wichtig, dass die Gläubigen sehen, dass jeder Stand, in den Gott uns beruft, von Bedeutung ist. Denn jeder Christ stellt sich irgendwann die Frage: „Reicht es als Christ aus, ein Klempner, Koch, Arzt oder Geschäftsmann zu sein? Sind etwa solche Christen weniger von Bedeutung als diejenigen, die im vollzeitlichen Dienst stehen? Was ist mit all den christlichen Müttern und Hausfrauen? Können sie Gott in ihrem gewöhnlichen Alltag ehren? Was meint die Bibel, wenn sie davon spricht, dass wir uns dieser Welt nicht gleichstellen, sondern unsere Sinne erneuern sollen (vgl. Röm 12,2)? Was heißt das in Bezug auf meinen Alltag, meine Berufung?“

Haben Sie sich jemals eine dieser Fragen (oder vielleicht sogar einige davon) gestellt? Gott sei Dank, Er gibt uns in seinem Wort Antwort auf diese Fragen!

Im ersten Thessalonicherbrief geht Paulus auf einige Fragen ein, die ihm die Gläubigen der Gemeinde in Thessalonich gestellt hatten. Und eine dieser Fragen lautete vermutlich ungefähr so: „Wie können wir ein Leben führen, das Gott gefällt?“ (vgl. 1 Thess 4,1-12). Die Gläubigen hatten erfahren, dass sie in Gottes Ebenbild erschaffen waren und dass Gott dem Menschen den Auftrag gegeben hatte, über die Schöpfung zu herrschen und sie zu bewahren. Sie hatten auch von Jesu Missionsbefehl gehört, der seine Jünger damit beauftragt hatte, das Evangelium bis ans Ende der Erde zu bringen, damit Menschen aus der Finsternis ins Licht kommen, und dass sie ihnen alles beibringen sollten, was Christus sie gelehrt hatte.

Die Gemeinde in Thessalonich kannte diese beiden großen Aufträge Gottes, und nun erwarteten sie von Paulus genauere Anweisungen. Wie können gewöhnliche Menschen an gewöhnlichen Orten zu gewöhnlichen Zeiten die beiden großen Befehle ihres Schöpfers und Herrn befolgen? Müssten sie sich nicht vollzeitlich in seinen Dienst stellen, um das zu bewältigen? Müssten sie eigentlich nicht bis ans Ende der Erde gehen, um gehorsam zu sein? Wie muss ein Leben aussehen, damit es Gott gefällt?

Paulus‘ Antwort ist faszinierend und zeigt uns viel über das Thema „Berufung“. In seiner Antwort sind drei Dinge enthalten: sexuelle Reinheit, die lokale Gemeinde und die tägliche Arbeit.

 

Ein Leben unter Kontrolle

Das erste, was Paulus der Gemeinde sagt, ist folgendes: Wenn ihr ein Leben führen wollt, das Gott ehrt, dann müsst ihr unbedingt jeglicher Unmoral aus dem Weg gehen und ein Leben in sexueller Reinheit führen: „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr euch von aller sexuellen Sünde fernhaltet und jeder von euch lernt, seinen eigenen Leib in Heiligung und Ehrbarkeit zu besitzen“ (1 Thess 4,3-4). Die Thessalonicher sollten die falschen Prinzipien der Welt in Bezug auf Sex und Beziehungen ablehnen und sich in diesen Punkten nach Gottes Ordnungen richten.

 

Ein Leben in Gemeinschaft

Das zweite, was Paulus der Gemeinde sagt, lautet: Wenn ihr ein Leben führen wollt, das Gott ehrt, dann müsst ihr innerhalb der Gemeinde liebevoll miteinander umgehen: „Gott selbst hat euch schon gelehrt, einander zu lieben … Wir ermahnen euch aber, Brüder, dass ihr darin noch mehr zunehmt“ (V. 9-10). Christen sind aufgefordert, alle Menschen, ohne Ausnahme zu lieben. Doch an dieser und anderen Stellen gilt die spezielle Aufforderung, die Geschwister innerhalb der lokalen Gemeinde zu lieben.

 

Ein Leben der Arbeit

Paulus‘ dritter Punkt ist für den Alltag des gewöhnlichen Christen von besonderer Bedeutung. Er fordert die Gläubigen auf: „Sucht eure Ehre darin, dass ihr ein stilles Leben führt und das Lebensnotwendige mit euren eigenen Händen erarbeitet, wie wir euch geboten haben, damit ihr anständig lebt vor denen, die außerhalb der Gemeinde sind, und damit ihr auf niemanden angewiesen seid“ (V. 11-12).

Wäre Gott der Meinung, dass ein Leben im vollzeitlichen Dienst eine bessere oder höhere Berufung wäre, wenn nach seiner Ansicht alle Christen nur dann ein vorzeigbares Leben führen, wenn sie ihren ganzen Besitz verkaufen und bis ans Ende der Erde ziehen, dann müssten wir die Aufforderung dazu genau in diesen Versen finden. Doch das tun wir nicht. Paulus gibt uns, vom Heiligen Geist geleitet, eine völlig andere Sicht.

Die Instruktionen, die Paulus in diesen Versen in 1. Thessalonicher 4 gibt, gelten für alle Zeiten, über alle geografischen und kulturellen Grenzen hinweg. Er fordert damit nicht nur die Thessalonicher, sondern alle Gläubigen auf, ein ruhiges Leben zu führen, sich um ihren Lebensunterhalt zu kümmern und diesen durch eigener Hände Arbeit zu erwerben. Ruhig zu leben bedeutet genügsam, zufrieden, bescheiden. Sie sollen mit dem Los zufrieden sein, das Gott ihnen zugeteilt hat. Denn wenn sie das tun, können sie Gottes Willen für ihr Leben am besten erfüllen, und ehren Ihn somit am meisten. Die Aufforderung, sich um den eigenen Lebensunterhalt zu kümmern, heißt, sich um die Dinge zu kümmern, die in der eigenen Verantwortung liegen. Im Umkehrschluss heißt es aber auch, sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren, sondern sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren.

Und wenn Paulus davon spricht, dass die Gläubigen mit ihren eigenen Händen arbeiten sollen, dann will er sie dazu ermutigen mit ihrer bisherigen (anständigen) Arbeit fortzufahren, auch (oder gerade) wenn dies bedeutet, dass es sich dabei um gewöhnliches Handwerk handelt. Paulus konnte sie deshalb zu all dem auffordern, weil er wusste, dass Gott sie in die jeweilige Lebenssituation hinein berufen hatte.

Soweit wir wissen, richtet sich der 1. Thessalonicherbrief nicht an neubekehrte Gläubige. Seine Aufforderungen richteten sich nicht an jungbekehrte Christen, die darauf hoffen bald in ein höheres geistliches Amt zu starten. Die Gemeinde in Thessalonich scheint vielmehr eine geistlich reife und stabile Gemeinde gewesen zu sein, und doch gibt Paulus ihnen ganz schlichte Anweisungen, wenn er ihnen sagt: Ehrt Gott in eurem gewöhnlichen alltäglichen Leben.

 

Ein Leben mit einer Mission

Für den Fall, dass diese Anweisungen nicht ausreichen, erläutert Paulus noch, welche Bedeutung und welche Auswirkungen solch ein „gewöhnliches“ Leben haben: „Damit ihr anständig lebt vor denen, die außerhalb der Gemeinde sind, und damit ihr auf niemanden angewiesen seid“ (V. 12). Mit diesen Worten zeigt Paulus auf, dass ein „gewöhnliches“ Leben als Christ sehr wohl Auswirkungen auf unsere Umwelt hat. Wenn wir unser Leben nach Gottes Willen führen – schlicht, verantwortungsbewusst und hart arbeitend –, dann erfüllen wir den großen Missionsbefehl Jesu. Denn wenn wir uns sexuell und moralisch reinhalten, wenn wir einander lieben und treu unseren alltäglichen Verpflichtungen nachgehen, sind wir für Außenstehende und auch für unsere Glaubensgeschwister ein Zeugnis.

Zur Klarstellung: Dies ist kein Aufruf zu Bequemlichkeit oder zu einem Leben, bei dem wir nur das Nötigste tun. Nein, es ist eine Aufforderung zur Treue, und zwar an dem Ort, an dem wir uns gerade befinden, und in dem Bewusstsein, dass Gott Freude an uns hat, wenn wir ein solches Leben führen.

Unter uns gibt es solche, die zum vollzeitlichen geistlichen Dienst berufen sind. Manche von ihnen werden ihren „normalen“ Beruf aufgeben, um sich für diesen vollzeitlichen Dienst ausbilden zu lassen und dann auf das Missionsfeld zu gehen. Sie werden auf die finanzielle Unterstützung anderer angewiesen sein. Und all das ist auch gut und richtig, denn es ehrt Gott! Allerdings ist es weder der einzige noch der bessere oder sicherste Weg, Gott zu ehren. Wir leben zu seinem Wohlgefallen, wenn wir als gewöhnliche Menschen unsere gewöhnlichen Lebensumstände dazu nutzen, um sein außergewöhnliches Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen.

 

© tabletalk magazine

 

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Tim Challies ist ein begeisterter Nachfolger Jesu Christi, Ehemann und Vater von drei Kindern. Er ist leitender Pastor einer Gemeinde in Toronto, leidenschaftlicher Leser und Autor mehrerer Bücher.

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