In der christlichen Lehre hört man immer wieder die Aussage: „Hasse die Sünde aber liebe den Sünder.“ Diese Aussage hört sich im ersten Moment absolut korrekt und durchaus christlich an, aber in Wirklichkeit enthält sie nur die halbe Wahrheit und lässt einige entscheidende Fragen offen. Denn wenn wir die Sünde hassen aber den Sünder lieben, dann müssten wir uns auch vor Augen halten, was Gottes Liebe dem Sünder gegenüber in allen Punkten beinhaltet, sonst handeln wir in einer Weise, die völlig am Ziel vorbeiführt. So laufen wir Gefahr in einen pluralistischen Relativismus zu verfallen, der in unserer Zeit zwar sehr beliebt ist, der aber für die Wahrheit des Evangeliums sehr gefährlich ist.

Eine „hasse die Sünde aber liebe den Sünder“-Mentalität kann dazu führen, dass die Liebe Gottes missbraucht und unterschiedliche Eigenschaften Seines Charakters gegeneinander ausgespielt werden. Wenn dies geschieht, entwerfen wir (unbewusst) eine sehr einseitige Darstellung des Evangeliums, die schließlich unsere Gemeinden, unsere Predigten, unsere Missionsarbeit und vieles mehr prägt und die unsere ungläubigen Freunde in die Irre führt.

Dabei ist unsere Motivation eigentlich sehr vorbildlich: Jeden so zu lieben, wie Christus es uns vorgelebt hat. Allerdings erreichen wir ein völlig falsches Ziel, wenn wir wichtige Eigenschaften Gottes, wie seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und seinen Zorn außer Acht lassen, nur weil wir seine Liebe unserer Vorstellung anpassen. Denn auf diese Weise verkünden wir einen Gott, der zwar zu unserer Kultur passt, der aber nicht in der Lage ist, Sünder von ihrer Sünde zu erretten.

 

Dürfen wir überhaupt hassen?

Vor einigen Jahren wurde mein Bruder von seiner eigenen Frau ermordet. Sein Tod ist für mich eine gute Illustration; denn wie soll ich diese Sünde hassen, aber den Sünder lieben? Ich gebrauche dieses Beispiel, weil es ein reales und für mich sehr schmerzliches Ereignis war, das mich tief geprägt hat.

Ich muss an dieser Stelle nicht darauf eingehen, ob wir Sünde hassen sollen, denn ich bin sicher, dass wir alle diesem Punkt zustimmen werden. Ohne Frage hasse ich die Sünde meiner Schwägerin, so wie ich jede Sünde hasse – und ich hoffe, dir geht es genauso.

Ein Blick auf das Kreuz genügt und jeder Christ wird darin übereinstimmen: Sünde ist überaus hassenswert. Wir hassen die Sünden anderer und wir hassen unsere eigenen Sünden, denn sie kosteten unserem HERRN und Heiland das Leben.

Die Welt mag die Sünde lieben, wir aber tun dies nicht. Auch wenn wir vorübergehend Gefallen an einzelnen Sünden finden, wir kommen immer wieder dahin zurück, dass unser Herz die Sünde verabscheut (vgl. Hebr 11,25).

Und ja, es ist leicht, die Sünde zu hassen. Viel schwieriger wird es bei der Frage: Was bedeutet es, den Sünder zu lieben? Leider haben wir Christen, bei dem Versuch zu zeigen, dass wir von Gottes Liebe motiviert sind, häufig eine Liebe demonstriert, die mehr mit unserer kulturellen Vorstellung von Akzeptanz und Toleranz übereinstimmt als mit Gottes Liebe.

 

Was ist überhaupt Liebe?

Hass beinhaltet Ablehnung. Wenn ich deine oder meine Sünde hasse, dann lehne ich sie ab. Somit macht es Sinn, Liebe als Annahme zu verstehen. Und dies ist es, was viele Christen den Sündern vermitteln wollen: Ich lehne deine Sünde ab, aber ich akzeptiere dich.

Das Problem dabei ist, dass dies nur eine sehr abgespeckte Form von Liebe ist, die wichtige Punkte außer Acht lässt und uns sehr leicht in Erklärungsnot bringen kann. Denn wenn wir nicht aufpassen, vermitteln wir dem Sünder dadurch, die Sünde hätte mit ihm persönlich nichts zu tun. Wir sagen ihm: „Mit dir ist alles in Ordnung, es ist die Sünde, die ich verabscheue.“ Doch auf diese Weise verdrehen wir die biblische Botschaft und spielen Wahrheiten gegeneinander aus. Wir sagen damit nicht wirklich aus, was Liebe ist, was sie bewirken kann und wie wir sie in der Gegenwart von wahrer persönlicher Sünde ausleben.

Gottes Liebe ist tiefer und weiter als ein bloßes „Ich akzeptiere dich“! Sie enthält mehr als das und daher stehen wir in der Verantwortung Gott und Seine Liebe in ihrem ganzen Ausmaß zu präsentieren – ganz gleich, ob es darum geht, unseren ungläubigen Freunden das Evangelium zu erläutern oder unsere Glaubensgeschwister zu einem geheiligten Leben zu motivieren.

 

Gott ist ein liebevoller Gott!

Gott ist Liebe (vgl. 1 Joh 4,8), doch Er ist auch ein zorniger Gott (vgl. Röm 1,18). Gott liebt die Welt so sehr und doch ist sein Zorn gegen jeden gerichtet, der gerne in Sünde lebt (vgl. Joh 3,36). Die Tatsache, dass Gott es zulässt, dass Menschen in Ewigkeit in die Hölle gehen, mindert keineswegs Seine Liebe. Es ist kein Widerspruch, wenn wir sagen: „Gott liebt Sünder und Er straft Sünder.“

Wenn wir Gottes Liebe verstehen wollen, ohne dabei Seinen Zorn und Seine Gerechtigkeit in Betracht zu ziehen, enden wir bei einer laschen, postmodernen und menschlich-kulturellen Liebe.

Ich liebe meine Schwägerin, aber ich fordere, dass ihre Sünde bestraft wird. Wenn keine Bestrafung für Ihre Sünde stattfindet, dann werden das Leben meines Bruders und sein Tod zu gering geschätzt. Wer behauptet, sein Leben und sein Tod seinen unbedeutend, der beweist damit einen Mangel an Liebe. Aus diesem Grund benötigen wir Gerechtigkeit als ein Mittel, durch das die Liebe bekräftigt und die Sünde bestraft und als etwas Schreckliches verurteilt wird. Gottes Gerechtigkeit ist ein unverzichtbarer Aspekt seiner Liebe.

Stellen wir uns vor, Gott würde Sünde ignorieren -wie könnte Er dann ein liebevoller und gerechter Gott sein? Außerdem hätten wir Seine Liebe niemals verstehen oder erleben können, wenn Er uns nicht mit unserer Sünde konfrontiert hätte.

Liebe ohne Gerechtigkeit führt zu einer lieblosen Welt. Gerechtigkeit ohne Liebe führt zu einer angsterfüllten Welt. Doch Liebe und Gerechtigkeit führen zu einer Welt, die Gott ehrt und nach seinen Maßstäben trachtet.

 

Lieben wir in der rechten Weise?

Was wäre, wenn sich herausstellt, dass unsere „Hasse die Sünde und liebe den Sünder“-Mentalität ein rein moralisches und kein biblisches Modell ist? Um das festzustellen müssen wir uns eine entscheidende Frage stellen:

 

Wie wirkt sich unsere Liebe gegenüber Sündern aus?

Nehmen wir an, du befindest dich in einer sehr schwierigen Ehe, die geprägt ist von Bitterkeit, Unversöhnlichkeit und Enttäuschung. Wie sieht dann deine Liebe gegenüber deinem Ehepartner aus? Hasst du seine Sünde aber liebst ihn als Sünder?

Die falsche Sicht von Gottes Liebe kann dazu führen, dass wir entweder den Sünder nicht beschämen wollen und daher einen wichtigen Teil der Wahrheit verschweigen: Gottes gerechten Zorn über seine Sünde; oder aber wir verabscheuen den Sünder so sehr für das, was er uns oder anderen angetan hat, sodass wir nicht bereit sind, ihn so zu lieben, wie Christus uns (Sünder) liebt.

Jesus ist unser perfektes Vorbild, wenn es darum geht, Sünder zu lieben, doch ihre Sünde zu hassen.

1.    Er schenkte ihnen Zeit – Jesus lehnte niemals jemanden ab, der zu ihm kam.

2.    Er schenkte ihnen Wahrheit – Jesus bezeugte offen Gottes Liebe, indem Er deutlich von Gottes Gerechtigkeit, von Seinem Zorn und von Seiner Heiligkeit sprach.

3.    Er schenkte ihnen Liebe – Jesus versündigte sich niemals an anderen, ganz gleich wie die Menschen Ihn behandelten. „Er reagierte nicht mit Beschimpfung, als er beschimpft wurde, und drohte nicht mit Vergeltung, als er leiden musste, sondern übergab es dem, der gerecht richtet“ (1 Petr 2,23).

 

RickThomas

Join the conversation! 2 Comments

  1. Apostelgeschichte 2, 36-41.
    Warum wird das Heutzutage nicht mehr verkündet?

    Antwort

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Kategorie

Artikel, Praktische Ratschläge, Sünde