Während meiner Studienzeit in den 60er Jahren sah ich ein Schild auf dem stand: „Ja zu Jesus, aber Nein zur Gemeinde!“ Diese Aussage traf mich tief, denn ich wusste, dass dies die Überzeugung vieler Christen meiner Generation widerspiegelte. Wir waren auf der Suche nach Wahrheit, wussten aber zugleich, dass wir sie in unseren Kirchen nicht finden konnten. Im Laufe der Zeit besuchte ich verschiedene Kirchengemeinden mit den unterschiedlichsten Hintergründen, die sich alle zum Ziel gesetzt hatten, Kirche neu zu erfinden. Alles, was ich dort erlebte, war tatsächlich anders, als das Gemeindeleben, in dem ich aufgewachsen war, und mit einem Mal erschien mir meine Gemeinde so langweilig im Vergleich zu diesen neuen, aufregenden Kleingruppen, mit ihrer neuen Sicht von Bibel und Gemeinschaft, wie sie Gottesdienste auf dem Boden abhielten, so zwanglos und weltoffen. Es kam mir vor, als würde diese Form der Gemeinde dem Vorbild der Apostel sehr viel näher sein, als das, was ich bisher erlebt hatte.

In dieser Zeit begann ich, mir folgende Fragen zu stellen: Was ist eigentlich „Gemeinde“? Ist die Antwort auf diese Frage überhaupt wichtig? Und, in Anbetracht all der Differenzen und Trennungen, die ich in der christlichen Welt gesehen hatte, fragte ich mich: Hat Gemeinde eigentlich überhaupt eine Bedeutung?

Laut Bibel ist die „Gemeinde“ die Einheit aller Erlösten. Die Bibel gebraucht viele Bilder und Vergleiche, um diese Einheit zu beschreiben; zum Beispiel als Familie Gottes, als Volk Gottes, als Erwählte, als Braut Christi, als Gemeinschaft der Heiligen, als neues Israel, und vieles mehr. Kurz gesagt kann die Gemeinde aber als Versammlung all derer bezeichnet werden, die durch ihr Vertrauen auf die Verheißungen des Evangeliums dem Herrn Jesus Christus angehören. Wenn, gemäß dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, bekenne, dass ich an die allgemeine christliche Kirche glaube, dann bedeutet dies nicht, dass ich mein Vertrauen auf die Kirche, oder Gemeinde, setze, sondern dass ich auf den Gott vertraue, der diese Gemeinschaft der Heiligen durch seinen Geist und sein Wort ins Dasein gerufen hat. Mein Vertrauen ruht allein auf Gott; wenn ich aber bezeuge, dass ich auf Ihn vertraue, dann bekenne ich damit auch, dass Er sich ein heiliges Volk erwählt und als Gemeinde gesammelt hat.

Die beiden Wörter, die im Alten Testament am häufigsten für das Bundesvolk Gottes gebraucht werden, sind „Versammlung“ (qahal) und „Gemeinde“ (‘edah). Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, übersetzt diese beiden Begriffe mit „ekklesia“ (demselben Wort, das auch für die neutestamentliche Gemeinde verwendet wird). Beide Begriffe drücken eine Tatsache aus: Die Gemeinde verdankt ihren Ursprung und ihre Form dem Wirken Gottes, der sie ins Leben gerufen hat. Praktisch gesehen bedeutet das, dass die Gemeinde weder dir noch mir gehört, sie gehört allein Gott! Theoretisch sind daher Formulierungen wie „meine Gemeinde“ oder „deine Gemeinde“ falsch. Dies führt uns zu mehreren wichtigen Tatsachen, wovon die mit Sicherheit wichtigste lautet: Die Gemeinde gehört allein Jesus Christus; und sie ist allein deshalb heilig, weil sie zu Ihm gehört!

Auch wenn die neutestamentliche Gemeinde der erweiterte Fortbestand des alttestamentlichen Gottesvolkes ist, bestehen zwischen beiden doch bedeutende Unterschiede in der Art und Weise, wie sich Gottes Bund durch das Kommen Christi geändert hat:

  1. Die alttestamentlichen Priester, Opfer und Heiligtümer wurden durch die sühnende Wirkung von Jesu Tod, Auferstehung und seiner Herrschaft hinfällig (vgl. Hebr 1-10). In Ihm findet der Gläubige nun seine Identität als Same Abrahams und Zugehöriger zum Volk Gottes (vgl. Gal 3,29; 1Petr 2,4-10).
  2. Während der alte Bund exklusiv dem ethnischen Volk Israel galt (vgl. 5Mose 7,6; Ps 147,19-20), sind im neuen Bund alle Verheißungen in Christus auf alle Völker und Nationen übertragen worden (vgl. Eph 2-3; 1Kor 1,20; Offb 5,9-10).
  3. Der Geist Gottes wurde sowohl auf den einzelnen Christen als auch auf die gesamte Gemeinde ausgeschüttet, wodurch die Gemeinschaft mit Christus (nach 1Joh 1,3), der Dienst Christi (Joh 12,32; 14,18; Eph 2,17) und alle geistlichen Segnungen (nach 2Kor 1,22; Eph 1,14) zur Erfahrung der Gemeinde Jesu werden.

Wenn wir uns zum Glauben an die allgemeine christliche Kirche bekennen, dann bezeugen wir damit, dass wir an die natürliche Einheit der Gemeinde Jesu glauben, wie es uns Epheser 4,4 beschreibt: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung!“ Unser Bekenntnis ist somit Eins mit den Christen aus allen vorherigen Generationen, seit der Zeit der Apostel, denn wir bezeugen, dass wir alle Eins sind, weil wir mit ein und demselben Geist in den einen Leib Christi hineingetauft wurden. Wir bekennen, dass wir daran glauben, dass die christliche Kirche die Gesamtheit aller Kinder Gottes ist, die durch den gemeinsamen Glauben an den Herrn Jesus Christus vereint wurden, zu einer „Gemeinde Gottes, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes“ (Apg 20,28).

In einem weiteren, heilsgeschichtlichen Sinn umfasst der Leib Christi alle Erlösten aus allen Zeiten, sowohl die im Himmel wohnenden als auch die auf der Erde. Diese eine Gemeinde befindet sich überall dort, wo sich Christen befinden – sie ist „eine große Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen“ (Offb 7,9). Der niederländische Theologe Herman Barvinck schrieb dazu:

„Gott hat sich in seiner erwählenden Gnade eine große Schar aus allen Generationen, Sprachen, Völkern und Nationen gesammelt. Wahrhaftig, sie besteht aus Individuen, die Gott alle einzeln namentlich kennt; doch Er verbindet sie miteinander in solcher Weise, dass sie gemeinsam den einen Tempel Gottes, den einen Leib Christi und die eine Braut Christi bilden. Ziel dieser Erwählung ist die Erschaffung einer Gesamtheit – die Erlösung, Erneuerung und Verherrlichung einer wiedergewonnenen Menschheit, die Gottes gute Taten verkündigt und Seinen Namen auf ihren Stirnen trägt.“

Die Herrlichkeit Christi in der sichtbaren Gemeinde

Zudem wird die Herrlichkeit Christi auf außergewöhnliche Weise durch die Gemeinde sichtbar – nicht jedoch für das bloße Auge, sondern allein durch göttliche Offenbarung. Gott hat uns in seinem Wort gesagt, dass Er selbst es sein wird, der die Gemeinde baut – nicht wir (vgl. Mt 16,18)! Und Paulus klärt uns in seinem Brief an die Epheser darüber auf, dass die Herrlichkeit Christi in und durch die Gemeinde offenbar wird:

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen erhält, dass er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe, durch seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, damit ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, dazu fähig seid, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes. Dem aber, der weit über die Maßen mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen“ (Eph 3,14-21).

Christi Herrlichkeit wird also durch die Gemeinde sichtbar. Aber auf welche Weise? Schlicht und einfach durch die überwältigende errettende Gnade Gottes, mit der Er uns in Christus vereint. Dies und nichts weniger ist der Ausdruck der Herrlichkeit Christi auf Erden. All die, die durch Christus erlöst sind, erleben diese Herrlichkeit und somit wird sie in und durch die Gemeinschaft der Erlösten, die Gemeinde, sichtbar!

Auf die Frage also, ob Gemeinde überhaupt von Bedeutung ist, müssen wir antworten: Ja, das ist sie, denn Gott selbst macht sie bedeutend, damit sie wiederum auf Gottes Bedeutung verweist!

Die Gemeinde in fortwährender Abhängigkeit von Gott

Die Existenz und der Fortbestand der Gemeinde hängt niemals von politischen oder religiösen Umständen ab, sondern einzig und allein von der Kraft und Gegenwart des Heiligen Geistes, die beide ein Resultat von Gottes souveräner Gnade sind.

Dennoch ist die Gemeinde ein lebendiger Organismus, der auch einer gewissen Organisation bedarf. Im Neuen Testament ist stets von einer „Gemeinde“ die Rede, die sich aber an verschiedenen Orten versammelt (z.B. „an die Gemeinde in Ephesus“, „an die Gemeinde in Antiochia“, …). In welcher Beziehung stehen diese örtlichen Versammlungen zu der einen universalen Gemeinde? Auch hier hilft uns wieder der Theologe Herman Barvinck:

„Hinsichtlich der herrlichen Tugenden, mit der die Apostel die Gemeinde beschreiben, kamen manche zu dem Schluss, dass man zwischen dem tatsächlichen und dem idealen Zustand der Gemeinde unterscheiden müsse. Aber solch eine Unterscheidung passt nicht zum Denken der Apostel. Wenn sie dem Beispiel Jesu folgen, der besonders in Johannes 14-17 von seiner Gemeinde in so großartiger Weise spricht, dann haben sie keine Gemeinde vor Augen, die nur in der Vorstellung existiert oder als Idealbild dient, dem wir nacheifern sollen – was wir jedoch in diesem Leben niemals erreichen können. Nein, die Apostel hatten immer die wahre, gesamte Gemeinde vor Augen, die Versammlung aller Gläubigen an allen Orten und zu allen Zeiten. Und ja, diese wahre Gemeinde war zu jeder Zeit unvollkommen – davon legen uns die Briefe der Apostel genügend Zeugnis ab – doch hinter ihrem unvollkommenen Zustand lag eine größere Realität: Gott, der dabei war, seinen Plan von Generation zu Generation an ihnen zu erfüllen.“

Wir dürfen diese beiden Wahrheiten nicht voneinander trennen! Die Apostel sprachen nicht grundlos in zweierlei Weise von der Gemeinde. Da ist die Sammlung der Gläubigen in Korinth ein gutes Beispiel, oder wie James I. Packer schreibt, sie war ein „Musterbeispiel im Kleinformat der gesamten Gemeinde“. Paulus nennt die Gläubigen in Korinth „Tempel Gottes“ und „Leib des Christus“ und sagt, dass Gottes Geist in ihnen wohnt (1Kor 3,16; 12,27), obwohl er genau weiß, welche Probleme und Schwierigkeiten unter den Gläubigen in Korinth herrschten. Sie war trotz allem die Gemeinde Gottes. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten!

Wir haben uns so sehr an den Gedanken gewöhnt, dass Gott in jedem einzelnen seiner Gläubigen wohnt, dass wir die Tatsache aus den Augen verloren haben, dass jede wahre Gemeinde vor Ort ein Tempel des Heiligen Geistes und ein Teil des weltweiten Leibes Christi ist.

 

JohnArmstrong

 

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Kategorie

Artikel, Evangelium, Gemeinde Jesu