Wenn wir uns mit dem stellvertretenden Opfer Jesu beschäftigen, dann handelt es sich dabei um ein Thema, gegen das sich in den letzten 200 Jahren besonders großer Widerstand formiert hat.

 Jesu Tod als Gottes Bestimmung

Während wir es gewohnt sind, davon zu sprechen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat (vgl. Apg 4,10; 5,30), macht es uns gewisse Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass die Kreuzigung ebenso ein von Gott bestimmtes Ereignis ist. Dabei spricht die Bibel durchaus davon, dass in der Kreuzigung Gott seinen Sohn in den Tod gegeben hat und Er sterben musste. Während wir auf der einen Seite daran festhalten, dass die Menschen durch ihre Sünde den unschuldigen Sohn ans Kreuz gebracht haben, halten wir Golgatha zugleich für ein Heilshandeln Gottes.

Einige sehr starke biblische Aussagen diesbezüglich finden wir bei Paulus: „Er [Gott], der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausreiße aus der gegenwärtigen bösen Welt nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Gal 1,3).

Auch Petrus spricht davon, dass Jesus gemäß Gottes „unumstößlichem Ratschluss“ getötet werden musste (vgl. Apg 2,23).

Kurzum: Jesus starb, weil Gott es so geplant hat!

Immer wieder wird in den Evangelien betont, dass Jesus leiden musste: „Und er begann sie zu lehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen“ (Mk 8,31). Markus gebraucht hier für das „Muss“ seines Todes das griechische δε (dei), welches eine Notwendigkeit bezeichnet, dessen Zeitform für eine göttliche, unabwendbare Bestimmung steht.

Bei Lukas ist die Rede von der Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesus ebenfalls zu finden. Bevor der Menschensohn wiederkommt, „muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht“ (Lk 17,25). Und „der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (Lk 24,7).

Im Johannesevangelium ist ähnlich von einem „Muss“ des Erhöhtwerdens des Menschensohnes die Rede. So sagt Johannes 3,13-15 beispielsweise: „Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“

Dass diese Erhöhung Jesu die Kreuzigung mit einschließt, wird anhand von Johannes 12,32-33 deutlich: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde weggenommen und erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das aber sagte er, um anzudeuten, welchen Tod er sterben sollte.“

Dieses „Muss“ des Sterbens erschließt sich uns noch tiefer, wenn wir erkennen, dass hier an die alttestamentliche Prophezeiungen des leidenden Messias angeknüpft wird. Jesu Tod ist schriftgemäß, da er schon im Alten Testament ankündigt ist. Der Sohn des Menschen geht dahin, „wie von ihm geschrieben wird“ (Mt 26,24). Bei seiner Verhaftung begründet Jesus gegenüber den Jüngern die Gewaltlosigkeit mit der Aussage: „Doch wie würden dann die Schriften in Erfüllung gehen, nach denen es so geschehen muss?“ (Mt 26,54). Lukas berichtet in seinem Evangelium, das schon im Gesetz, bei den Propheten und in den Psalmen darüber geschrieben ist, dass der Menschensohn sterben muss. Weiter lesen wir in Lukas 24,44-48: „Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. Dann öffnete er [Jesus] ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen“(vgl. auch Lk 9,22-23).

Dasselbe betont der Auferstandene Jesus bei seiner Begegnung mit Jüngern von: „Wie unverständig seid ihr doch und trägen Herzens! Dass ihr nicht glaubt nach allem, was die Propheten gesagt haben! Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften über ihn steht“ (Lk 24,25-27).

Als Paulus und Silas auf der zweiten Missionsreise in Thessalonich ankamen, predigte der Apostel auf der Grundlage alttestamentlicher Schriften und „er öffnete ihnen die Augen und legte ihnen dar, dass der Gesalbte leiden und von den Toten auferstehen musste, und er sagte: Dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Gesalbte!“ (Apg 7,2-3).

Aber auf welche alttestamentlichen Ankündigungen berufen sich Jesus und seine Jünger hier? Die Zahl dieser Bibelstellen ist so umfangreich, dass ich nur einige nennen kann. Im Blick auf das Leiden es Menschensohnes am Kreuz ist Psalm 22 sehr bedeutsam; dort lesen wir in den Versen 2-3 als Ankündigung der Gottesferne bei der Kreuzigung (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du antwortest nicht, bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.“

Doch bereits im Gesetz, also bei Mose, sind Hinweise auf den Tod des unschuldigen Menschensohnes zu finden. In Galater 3,13 teilt Paulus uns mit, dass Christus, obwohl unschuldig, den Tod eines Verbrechers am Holz starb. Hier erfüllt sich, wovon uns schon in 5. Mose 21,22-23 berichtet wird: „Und wenn jemand ein todeswürdiges Verbrechen begeht und er getötet wird und du ihn an einen Pfahl hängst, darf sein Leichnam nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du musst ihn noch am selben Tag begraben. Denn ein Gehängter ist von Gott verflucht …“

Wir sind sicherlich alle mit dem bekannten Abschnitt in Jesaja 53 vertraut, wo wir die Weissagung über leidenden Gottesknecht lesen: „Durchbohrt aber wurde er unseres Vergehens wegen, unserer Verschuldungen wegen wurde er zerschlagen, auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren. Wie Schafe irrten wir alle umher, ein jeder von uns wandte sich seinem eigenen Weg zu, der HERR aber ließ ihn unser aller Schuld treffen. Er wurde bedrängt, und er ist gedemütigt worden, seinen Mund aber hat er nicht aufgetan wie ein Lamm, das zur Schlachtung gebracht wird, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt. Und seinen Mund hat er nicht aufgetan. Aus Drangsal und Gericht wurde er herausgenommen, doch sein Geschick – wen kümmert es? Denn aus dem Land der Lebenden wurde er herausgeschnitten, der Schuld meines Volks wegen hat es ihn getroffen. Und bei Frevlern gab man ihm sein Grab und bei Reichen, als er starb, obwohl er keine Gewalttat verübt hatte und kein Trug in seinem Mund war. Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn“ (Jes 53,5-9, vgl. Lk 22,37).

Jesu Tod ist also kein „Zufall, Missgeschick oder Betriebsunfall“, sondern eine in den Heiligen Schriften des Alten Testaments angekündigte Tat Gottes. Deshalb schreibt Paulus den Korinthern: „Denn ich habe euch vor allen Dingen weitergegeben, was auch ich empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, …“ (1Kor 15,3).

Doch dass Jesus diesen beschwerlichen Weg aus eigenem Willen und nicht gezwungener Maßen tat, tritt ebenfalls in der Heiligen Schrift deutlich hervor. So sagt Er selbst vor den Ohren des Volkes: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10,17-18); und an Petrus gewandt, offenbart Jesus während seiner Festnahme, dass Er seinen Vater nur darum bitten brauche, und dieser würde Ihm mehr als zwölf Legionen Engel zur Hilfe schicken (vgl. Mt 26,53). Doch Jesus verzichtete auf diesen Anspruch und beugte sich dem Willen seines Vaters, weil Er wusste, dass sein stellvertretendes Leiden und Sterben der einzige Weg sein würde, um Sünder von der Macht und dem Fluch der Sünde zu erlösen (vgl. Lk 22,42).

Jesu Tod als stellvertretende Sühne

Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte. Allerdings erfährt dieses Verständnis seit der Aufklärung die lebhafteste Kritik. „Wenn irgendwo theologisch über die Bedeutung des Todes Jesu diskutiert und gestritten wird, geht es immer um den Gedanken der stellvertretenden Sühne, seine Berechtigung, Möglichkeit, Problematik oder Notwendigkeit“, so bezeugt der konservative Theologe Gerhard Barth.

Im Rahmen der Aufklärung wurde die jüdisch-christliche Sühnetheologie einer einschneidenden Kritik unterzogen und die Theologen waren bemüht, den biblischen Sühnegedanken abzuändern und an die Ansprüche der Aufklärung anzupassen. Seit dem ist man bemüht, eine Sühnetheologie zu formulieren, die ohne Genugtuung und Stellvertretung auskommt.

Besonders folgenschwer war hierbei das Urteil Immanuel Kants (1724-1804). Nach Kant konnte die persönliche Sündenschuld (im Gegensatz zu Geldschuld) nicht auf einen anderen Menschen übertragen werden. Umgekehrt ist auch die Zuschreibung einer fremden Gerechtigkeit für ihn unvernünftig. Kant misstraute der reformatorischen Sühnetheologie, da sie nicht zur moralischen Besserung der Welt beitrage. In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ schreibt er:

„Allein es ist gar nicht einzusehen, wie ein vernünftiger Mensch, der sich strafschuldig weiß, im Ernst glauben könne, er habe nur nötig, die Botschaft von einer für ihn geleisteten Genugtuung zu glauben, und sie (wie die Juristen sagen) utilitär anzunehmen, um seine Schuld als getilgt anzusehen, und zwar dermaßen (mit der Wurzel sogar), dass auch fürs künftige ein guter Lebenswandel, um den er sich bisher nicht die mindeste Mühe gegeben hat, von diesem Glauben und der Akzeptation der angebotenen Wohltat, die unausbleibliche Folge sein werde.“

So finden wir heute auch in bekenntnisorientierten Kreisen oft ein Sühneverständnis, das ohne die stellvertretende Sühnung und die Anrechnung der Gerechtigkeit Jesu auf die Gläubigen auskommt. Gott tritt demnach als Subjekt der Versöhnung auf, nicht als Objekt. Gott braucht kein sühnendes Opfer, sondern Er schafft Sühne für den Menschen. Diese Sühnetheologie gilt inzwischen als allgemein anerkannt. Es geht darum zu betonen, dass Christus nicht gekommen sei, um Gott mit der Welt zu versöhnen oder damit Gott die Menschen lieben könne. Denn schließlich sei Gott ja die absolute und vorbehaltlose Liebe, und brauche kein Opfer, um versöhnt zu werden. Jesus ist nicht als Sühnopfer gestorben, sondern als Märtyrer seiner Überzeugungen, und um uns zu zeigen, wie sehr Gott uns liebt.

Ist es tatsächlich so, dass die traditionelle Sicht des Sühneopfers auf einer jahrhundertelangen Fehlinterpretation der biblischen Texte beruht? Oder spiegelt sie doch das wider, was die Heilige Schrift zur Sühne sagt.

Schauen wir uns zunächst einige wichtige Textstellen an:

 Sühne und Sühnen

Wir finden den kultischen Begriff der Sühne (hilasmos) oder des Sühnens (hilaskomai) zum Beispiel in Hebräer 2,17: „Daher musste er in allem den Brüdern und Schwestern gleich werden, um ein barmherziger und treuer Hoher Priester vor Gott zu werden und so die Sünden des Volkes zu sühnen.“

Dass sich das „Sühnen“ auf Golgatha bezieht, zeigt eindeutig der vorangehende Vers 14, der davon spricht, dass Jesus durch den Tod den entmachtet hat, der „die Macht hat über den Tod, nämlich den Teufel“.

In 1. Johannes 2,2 steht: „Er [Jesus] ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Obwohl auch hier Golgatha nicht buchstäblich angesprochen ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang eindeutig, dass die Aussage auf den Tod von Jesus Christus bezogen ist.

In 1. Johannes 4,9-10 wird die Sühne nochmals thematisiert: „Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.“

Der bedeutsamste Vers steht zweifellos bei Paulus im Römer 3,25: „Ihn hat Gott dazu bestellt, Sühne zu schaffen – die durch den Glauben wirksam wird – durch die Hingabe seines Lebens. Darin erweist er seine Gerechtigkeit, dass er auf diese Weise die früheren Verfehlungen vergibt, …“

Wer mit verschiedenen Bibeln arbeitet, wird feststellen, dass dieser Vers verschieden übersetzt wird. Die Elberfelder Bibel schreibt: „Ihn hat Gott dargestellt zu einem Sühneort“. Bei der Lutherbibel von 1984 heißt es: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne“. Die Schlachterbibel spricht davon, dass Gott ihn „zum Sühnopfer verordnet“ hat.

Der Begriff hilasterion kann die profane Bedeutung von „Sühne“ oder „Sühnemittel“ haben oder aber einen direkten Bezug zu den Opferritualen des Alten Testaments haben. Die Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testaments, bezeichnet mit hilasterion den Sühnedeckel der Bundeslade. Denselben Begriff verwendet der Autor des Hebräerbriefs, wenn er in Hebräer 9,5 die Bundeslade im Allerheiligsten beschreibt. Martin Luther greift diesen Bezug des Opfers Jesu zum alttestamentlichen Sühneopfer auf, indem er hilasterion in Römer 3,25 mit „Gnadenthron“ übersetzt. Der Vorwurf, dass es sich hierbei um einen logischen Bruch handle – da Christus demnach gleichzeitig als Sühnedeckel und als Opfer, dessen Blut an den Deckel gesprengt wird, erscheint – erweist sich als unbegründet, sobald man erkennt, dass Paulus in Römer 3,25 von der Einsetzung eines neuen, den alten überragenden Sühneortes spricht. An die Stelle der Bundeslade, des Opfers und des bisherigen Sühneritus hat Gott Jesus treten lassen, der durch sein eigenes Blut eine ewige Erlösung erworben (vgl. Hebr 9,12).

Ausgangspunkt der Versöhnung ist, wie schon im Alten Testament, das Handeln Gottes. Gott ist derjenige, der als Subjekt auftritt und Sühne durch seinen Sohn schafft.

Die Formel „für uns“

Doch Jesu stellvertretender Tod wird nicht nur an den Stellen als Sühne für unsere Sünden gedeutet, wo der Begriff „sühnen“ verwendet wird, sondern auch überall dort, wo davon die Rede ist, dass Er „für uns“, „für euch“, „für mich“, für sein Volk“, „für die Schafe“, „für alle“, „für Gottlose“ oder auch „für unsere Sünden“ gestorben ist. Eine Konkordanz zeigt uns die riesige Vielfalt dieser Stellen.

Der hier verwendete griechische Begriff hyper hat einen weiten Bedeutungsumfang und kann deshalb mit „für“, „zugunsten von“ oder auch „anstelle von“ übersetzt werden. An einigen Stellen meint es aber deutlich „stellvertretend“. So heißt es in 2. Korinther 5,21: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns [d. h. an unserer Stelle] zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Hier wird deutlich, dass dort am Kreuz ein Rollenwechsel stattfand. Der Sündlose wird zum Träger der Sünde gemacht, damit die Ungerechten vor Gott so gerecht würden, dass sie vor Gott bestehen können. Diese Tatsache finden wir auch in Galater 3,13; Johannes 11,50-52; 18,14; 2. Korinther 5,14f und 1. Petrus 3,18 für Stellvertretung. Zwar muss es nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach bedeuten, dass etwas zugunsten von etwas oder jemandem geschieht. Doch wenn man darüber nachdenkt und in der Bibel forscht, inwiefern Jesu Tod zu unseren Gunsten geschehen ist, kommt man unweigerlich auf den Stellvertretungsgedanken.

 Sühne durch das Blut Jesu

Außerdem wird die Vorstellung der Sühne durch Jesu Tod auch dort deutlich, wo von der heilsamen Wirkung seines Blutes gesprochen wird. Auch hier ist uns Römer 3,25 im Zusammenhang eine wichtige Stelle: „Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.“

Etwas Ähnliches sagt der Apostel auch zwei Kapitel später, wenn er betont, dass wir durch Christi Blut gerecht geworden sind und deshalb vor dem Zorn Gottes bewahrt werden: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind“ (Röm 5,8-10).

Der Epheserbrief spricht ebenfalls zweimal von dieser rettenden Wirkung des Blutes Jesu: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit“ (Eph 1,7-8). Und auch wir Heiden, die wir einst fern von Gott und von seinen Verheißungen ausgeschlossen waren, sind jetzt „nahe geworden durch das Blut Christi“ (Eph 2,13).

Christi Opfer bringt Juden wie Heiden die Versöhnung mit Gott. Mehr noch: Da nun der Opferkult, der einst Juden und Heiden voneinander trennte, abgetan ist, erwächst durch das Kreuz auch Frieden zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen (vgl. Eph 2,11).

Der bekannte Theologe Wayne Grudem schreibt dazu:

„Das Blut Christi ist der deutliche äußere Beweis, dass sein Lebensblut vergossen wurde, als er den Opfertod starb, um für unsere Erlösung zu bezahlen ‚das Blut Christi‘ meint seinen Tod in seinen errettenden Aspekten. Obwohl wir denken mögen, dass das Blut Christi (als Beweis dafür, dass sein Leben gegeben worden war) sich ausschließlich auf die Beseitigung unserer rechtlichen Schuld vor Gott bezöge – denn darauf bezieht es sich in erster Linie –, schreiben die Verfasser des Neuen Testaments ihm auch mehrere andere Wirkungen zu. Durch das Blut Christi werden unsere Gewissen gereinigt (Hebr 9,14), erlangen wir freimütigen Zugang zu Gott in Anbetung und Gebet (Hebr 10,19), werden wir fortschreitend von der in uns bleibenden Sünde gereinigt (1 Joh 1,7; Offb 1,5b), vermögen wir den Verkläger der Brüder zu überwinden (Offb 12,10-11) und werden wir von einem sündigen Lebenswandel erlöst (1 Petr 1,18).“ (Wayne Grudem, Biblische Dogmatik)

Es ist eben nicht ein tieferes Textverständnis, das den modernen Theologen dazu bringt, die bisherige Vorstellung der Sühnetheologie abzulehnen; es sind vielmehr Vorurteile, der die klaren Texte nicht stehenlassen kann und sie zum Schweigen bringen will. Paulus hat das Herz des Evangeliums darin gesehen, dass die Gottlosen allein durch die Gnade Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus gerettet und gerechtfertigt werden (vgl. Eph 2,8-9). Die einzige Möglichkeit, um als Sünder vor Gott als gerecht zu stehen, hat Gott selbst geschaffen, indem Er seinen Sohn dem Tod preisgegeben und Ihn von den Toten auferweckt hat (vgl. Röm 3,21-26; 4,25; 8,31-39 usw.). Petrus bezeichnet Jesus im Hinblick auf die alttestamentliche Tradition vom Brand- oder Ganzopfer als das „Lamm ohne Fehl und Makel“, dessen Blut uns erlöst, also Sühne erwirkt (vgl. 1 Petr 1,19). Dieses Bild steht auch hinter dem Bekenntnis von Johannes dem Täufer: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29; vgl. Jes 53,7.12).

Die unselige Behauptung, die heutzutage häufig aufgestellt wird, dass die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu nur eine unter vielen sei und „keineswegs besonders wichtig“, verdient unseren Unmut und Widerspruch. Das Kreuz Jesu, an dem Er stellvertretend für uns starb, ist die Mitte, das Hauptanliegen und die seligmachende Hoffnung des Evangeliums. Die Entstellung der Sühnetheologie, wie sie uns in der modernen Theologie begegnet, erschüttert die Grundfesten des Glaubens und ist schlichtweg eine Preisgabe der Rechtfertigung, durch die Gemeinde Jesu steht und fällt. Wir haben daher das weiterzugeben, was wir empfangen haben, nämlich dass „Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift“ (1 Kor 15,3). Alles andere ist, wie Paulus warnend hervorhebt, eine Verdrehung des Evangeliums (vgl. Gal 1,6-8). Und Martin Luther bezeichnete es als „der ganzen Christenheit, aller Propheten und Apostel Predigt“. Die Botschaft von dem stellvertretenden Sühneopfer am Kreuz kann nicht oft genug wiederholt, nicht deutlich genug verteidigt und schlechterdings niemals in seiner Bedeutung überschätzt werden.

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