Der Grund für das Erlösungswerk ist Gottes Liebe.

Aber warum hat Gottes Liebe gerade diesen Weg gewählt, um das gewünschte Ziel zu erreichen?

Diese Frage nach dem Grund des Erlösungswerkes unterscheidet sich von der Frage nach seiner Ursache.

Bedeutende Theologen der Kirchengeschichte vertraten die Ansicht, dass es keinen letztendlichen Grund dafür gab, weshalb Gott keinen anderen Weg wählte, um Sünder zu erretten, als durch den leidvollen Tod seines geliebten Sohnes. Sie glaubten, weil Gott allmächtig und souverän ist, hätten Ihm noch andere Möglichkeiten offen gestanden, doch aufgrund der vielen Vorzüge und Segnungen, die dieser Weg enthielt, hatte Gott eben diesen auch gewählt. Nach dieser Sicht hätte Gott die verlorene Menschheit auch ohne Blutvergießen erretten können, aber er entschied sich aus freien Stücken, es durch Blutvergießen zu tun, um die Herrlichkeit seiner Gnade zu vergrößern und um den Aspekt der Erlösung noch deutlicher hervorzuheben.[1]

Es mag durchaus sein, dass diese Sichtweise die Allmacht, die Souveränität und die Gnade Gottes besonders betont, und doch sind dies nur Vermutungen und wir finden in der Bibel keinen Hinweis darauf, dass es so ist. Reicht es nicht aus, dass Gottes Wort uns bestätigt, dass „ohne Blutvergießen keine Vergebung“ möglich ist (Hebr 9,22)? Ist das Zeugnis des göttlichen Wortes nicht genug, um unsere Frage nach dem Warum zu beantworten? Es gibt natürlich einige Dinge, die Gott nicht tun kann. „Er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2 Tim 2,13) und es ist Gott unmöglich zu lügen (vgl. Hebr 6,18). Die einzige Frage, die offenbleibt, lautet: Liegt Gottes Eigenschaften und seiner Vollkommenheit irgendetwas zugrunde, das das Opfer seines Sohnes erforderte, um die Erlösung zu schaffen? Hierbei sollten wir uns stets bewusst sein, dass Gott keinesfalls zur Erlösung der Menschheit verpflichtet gewesen wäre. Sie ist allein ein freiwilliger und souveräner Ausdruck seiner Liebe. Doch war, nachdem Gott beschlossen hatte, uns zu erlösen, das blutige Opfer seines eigenen Sohnes der einzige Weg, um diesen Entschluss durchzuführen? Dafür scheint es einige gute Gründe zu geben.

  1. Der Sünder bedarf nicht nur der Vergebung, sondern auch der Rechtfertigung. Die Art der Rechtfertigung, die nötig wäre, um dem verlorenen Zustand der Menschheit entgegen zu wirken, ist allein in dem menschgewordenen Sohn Gottes zu finden, denn Er allein besitzt eine vollkommene und unbefleckte Gerechtigkeit (vgl. Röm 1,17; 3,21-22; 10,3; 2 Kor 5,21; Phil 3,9). Durch Christi Gehorsam werden die vielen Sünder zu Gerechten (vgl. Röm 5,19). Daher ist es offensichtlich, dass allein der menschgewordene Sohn Gottes, der den Willen des Vaters uneingeschränkt befolgte, in der Lage war, eine der verlorenen Menschheit angemessene Gerechtigkeit zu bieten. Ein Erlösungswerk, in dem dieses wichtige Element der Rechtfertigung nicht enthalten wäre und das dem Sünder keine Gerechtigkeit bietet, die ihn vor Gott bestehen lasst, ist sinnlos und stimmt mit dem Zeugnis der Heiligen Schrift nicht überein.
  2. Die Sünde steht im krassen Gegensatz zu Gottes Heiligkeit und daher muss Er ihr mit heiligem Zorn entgegentreten. Wo Sünde ist, liegt immer Gottes Zorn darauf (vgl. Röm 1,18). Würde Gott nicht mit Zorn auf die Sünde reagieren, dann würde Er sich selbst, seiner Heiligkeit, seiner Gerechtigkeit und seiner Wahrheit untreu sein. Doch um Gott und seine Gunst, die Er uns durch die Erlösung anbietet, genießen zu können, muss zuerst sein Zorn beseitigt sein. Wir müssen mit Ihm versöhnt werden. Und genau hier sagt uns Gottes Wort, dass Christus von Gott als Sühnopfer bestimmt wurde, um seine Gerechtigkeit zu erweisen, „damit er selbst gerecht sei“ und zugleich den Gottlosen rechtfertige (Röm 3,25-26).

Das Kreuz Christi ist somit der höchste Ausdruck der göttlichen Liebe (vgl. Röm 5,8; 1 Joh 4,9-10). Wäre es denn wirklich Liebe, wenn die Erlösung durch einen weit geringeres Opfer zu erreichen gewesen wäre? Wäre dies nicht eine sehr unweise Liebe?

Auf der Suche nach einer Antwort ist uns das Gebet unseres Herrn Jesus in Gethsemane eine große Hilfe (vgl. Mt 26,39). Hätte es die Möglichkeit gegeben, den bitteren Kelch des Leidens an Jesus vorübergehen zu lassen, dann hätte der Vater sein Flehen sicherlich erhört. Wenn wir verstehen, dass dieser Weg der Qual, den Jesus gehorsam bis zum Tod am Kreuz ging, für unsere Erlösung unverzichtbar ist, erkennen wir darin das Wunderwerk der göttlichen Liebe. Die Liebe des Vaters zur verlorenen Menschheit war so überwältigend groß, dass Er beschlossen hat sie zu erlösen, auch wenn der Preis dafür kein geringerer sein würde, als seinen eigenen Sohn wie einen Verfluchten am Kreuz zu opfern. Das Geschehen von Golgatha in diesem Licht zu betrachten, führt uns nicht nur dazu, Gottes Liebe zu erkennen, sondern es erfüllt uns auch mit höchster Dankbarkeit und Anbetung. Das ist wahrlich echte Liebe!

[1] Diese Ansicht vertraten z. B. Augustinus, Thomas von Aquin, Thomas Goodwin, John Ball, Thomas Blake, u. a.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorie

Artikel