Wenn wir über das Christsein sprechen, wird generell der Begriff „christlicher Glaube“, statt „christliche Religion“ verwendet. Und tatsächlich trifft diese Formulierung auch zu, da der Glaube das zentrale Element in der biblischen Sicht der Erlösung darstellt. Obwohl der Glaube für den Christen elementar ist, fällt es doch vielen Christen schwer, Ihn genau zu definieren oder zu erklären.

Der Glaube ist die Grundlage der Hoffnung

Eine zusammenfassende Definition des biblischen Glaubens liefert uns der Hebräerbrief: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen“ (Heb 11,1-2). Merken wir, dass der Autor des Hebräerbriefs hier zwischen Glauben und Hoffen unterscheidet? Obwohl Glaube und Hoffnung eng miteinander verwandt sind, unterscheiden sie sich doch. Ähnliches finden wir bei Paulus in 1. Korinther 13, der von den drei großen christlichen Tugenden „Glaube, Hoffnung und Liebe“ spricht. Wir sehen also, dass die Bibel deutlich zwischen Glauben und Hoffen unterscheidet.

Doch bevor wir näher darauf eingehen, wollen wir einen kurzen Blick auf die biblische Sicht von Hoffnung werfen, denn unsere heutige, westliche Verwendung des Wortes „Hoffnung“ unterscheidet sich stark von der des Neuen Testaments. Wenn wir heute von Hoffnung sprechen, dann beziehen wir uns auf einen emotionalen Zustand, auf eine Sehnsucht, ein Verlangen nach etwas, das geschehen soll, bei dem wir aber nicht völlig sicher sind, ob es auch geschehen wird. So hoffen wir vielleicht, dass unsere Lieblingsfußballmannschaft ein Spiel gewinnt; wobei aber die Möglichkeit besteht, dass es nicht geschieht. Es kann sein, dass sich diese Hoffnung als nutzlos erweist, dass sie sich nicht erfüllt, schlichtweg weil der Ausgang des Spiels unsicher ist.

Wenn die Bibel allerdings von Hoffnung spricht, dann bezieht sie sich auf etwas Zukünftiges, das sich ganz sicher erfüllen wird, etwas, dessen Ausgang absolut gewiss ist. Wenn wir unser Vertrauen auf Gottes Verheißungen setzen, können wir ohne jeden Zweifel wissen, dass sie sich erfüllen werden. Denn wenn Gott seinem Volk ein Versprechen für die Zukunft gibt, dann wirkt die Hoffnung des Volkes wie ein „sicherer und fester Anker unserer Seelen“ (Heb 6,19). Ein Anker verleiht einem Schiff Sicherheit inmitten der unruhigen See. Das, was Gott uns für die Zukunft verheißt, lässt unsere Seelen schon heute in Sicherheit ruhen.

Wenn die Bibel sagt: „Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft“, dann spricht sie von Dingen, die Wert haben, die entscheidend sind. Der Glaube ist die Grundlage der Hoffnung.

Im eigentlichen Sinne heißt hoffen nach vorn zu schauen. Der Begriff „Glaube“ beinhaltet ein starkes Vertrauen. Wenn ich meine Hoffnung auf Gottes Zusagen setze, dann liegt meine Hoffnung und Gewissheit auf demjenigen, der mir diese Zusage gegeben hat. Ich darf hoffen, weil ich Gott vertrauen kann. Und weil ich in Zukunft auf Gottes Verheißungen vertrauen kann, darf ich auch voller Hoffnung durchs Leben gehen. Meine Hoffnung ist also nicht bloß Einbildung oder ein vager Traum, sondern sie ist dem treuen Gott verankert.

Der Glaube ist das Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht

Die Definition im Hebräerbrief lautet weiter: „Der Glaube ist … ein Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht.“ Der Autor verwendet die visuelle Wahrnehmung des Menschen, durch die wir uns Wissen aneignen, als Beispiel, um uns etwas zu verdeutlichen: Für den Menschen gilt im Allgemeinen: Was man nicht sieht, das glaubt man nicht. Man fordert Zeichen und Beweise, um auf etwas vertrauen zu können. Und tatsächlich steht diese Einstellung dem christlichen Glauben nicht völlig entgegen, denn schließlich fordert uns das Neue Testament nicht auf, dem Evangelium völlig blind zu vertrauen, sondern weil es durch Augenzeugen bestätigt wird, die davon berichten, was sie erlebt haben.

Denken wir zum Beispiel an das Zeugnis des Petrus: „Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen“ (2Pt 1,16). In gleicher Weise schreibt Lukas zu Beginn seines Evangeliumsberichts an seinen Freund Theophilus: „Darum hielt auch ich es für richtig, nachdem ich allem bis zu den Anfängen sorgfältig nachgegangen bin, diese Ereignisse für dich, hochverehrter Theophilus, in geordneter Reihenfolge niederzuschreiben“ (Lk 1,3). Lukas spricht hier über Ereignisse, die er selbst aufgrund der Aussagen von Augenzeugen erforscht hat. Mit derselben Argumentation verteidigt Paulus seine Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung aus den Toten, indem er auf die Augenzeugen des auferstandenen Christus verweist: Kephas (Petrus), den Zwölfen, den 500, Jakobus, allen Aposteln und dann fügt er hinzu: „zuletzt hat er sich auch mir gezeigt“ (vgl. 1Kor 15,5-8). Paulus weiß, dass er der Botschaft der Auferstehung vertrauen kann, denn viele Augenzeugen haben den auferstandenen Christus gesehen, ja, er hat Ihn sogar selbst gesehen!

Hier haben wir einen Verknüpfungspunkt zwischen Sehen und Glauben; und doch definiert der Autor des Hebräerbriefs den Glauben als ein „Überzeugtsein von Tatsachen, die man nicht sieht“. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass viele Menschen meinen, biblischer Glaube wäre nur echt, wenn es ein blinder Glaube sei. „Denn“, so behauptet man, „jemand der nicht sehen kann ist blind. Wenn also der Glaube ein Überzeugtsein von Tatsachen ist, die man nicht sieht, muss der Glaube, von dem der Hebräerbrief spricht, ein blinder Glaube sein.“

Ich wüsste nicht, was weiter von der Bedeutung dieses Verses entfernt wäre als „blinder Glaube“. Diese dargestellte Form des blinden Glaubens behauptet: „Wir glauben das, was wir glauben, ohne jeden vernünftigen Grund.“ Man stellt sich vor, ein Gläubiger würde nur seine Augen schließen, tief einatmen und sich mit aller Kraft wünschen, dass etwas wahr ist, um dann sagen zu können: „Es ist wahr!“ Aber das ist Naivität und kein biblischer Glaube!

Die Bibel fordert uns an keiner Stelle dazu auf, blind in etwas hinein zu springen. Im Gegenteil, die Bibel spricht davon, dass Gott uns herausgerufen hat, aus der Finsternis ins Licht (vgl. Joh 3,19; 1Pt 2,9). Der Glaube an Gott ist also nicht blind im Sinne von unbegründet, wunderlich oder als bloßer Ausdruck einer menschlichen Sehnsucht. Wenn dies so wäre, würde der Hebräerbrief dann davon sprechen, dass der Glaube ein Überzeugtsein von Tatsachen ist?

Wenn der Glaube mit Hoffnung verbunden ist – wie dies in Hebräer 11,1 der Fall ist –, dann hat er einen direkten Bezug mit der Zukunft, denn wenn ich eine Sache ganz sicher nicht sehen kann, dann ist es die Zukunft. Niemand von uns hat jemals genau gewusst, was der nächste Tag bringen wird. Wie ich schon zuvor in meinem Beispiel erwähnt hatte, kann man hoffen, dass die Lieblingsfußballmannschaft das kommende Spiel gewinnen wird; doch ich kann niemals mit Gewissheit sagen, ob dies geschehen wird oder nicht.

Allerdings sagt der Hebräerbrief, dass der Glaube ein Überzeugtsein von Tatsachen ist, die man nicht sieht. Tatsachen sind greifbar. Eine Tatsache ist etwas, das ich mit allen Sinnen erfassen kann. Was der Hebräerbrief also meint ist: Ich weiß nicht, was der nächste Morgen bringen wird, doch ich weiß ganz sicher, dass Gott die Zukunft kennt, und wenn Er mir für die Zukunft etwas verspricht, dann kann ich auf Ihn vertrauen, ich kann an etwas glauben das ich jetzt noch nicht sehen kann. Der Glaube stützt sich auf Tatsachen, weil er auf Gott selbst ausgerichtet ist. Ich kenne Ihn; Er ist unfehlbar und kann nicht lügen. Gott weiß alles und ist vollkommen in allem, was Er sagt und tut. Wenn Gott also sagt, dass morgen etwas geschehen wird, dann vertraue ich darauf, auch wenn ich es nicht sehen kann.

Dieser Glaube ist weder naiv noch unvernünftig. Im Gegenteil: Es wäre unvernünftig nicht auf Gottes Vorhersagen zu vertrauen.

Was aber sagt Gott über die Zukunft? Er lüftet nicht nur den Schleier über zukünftige Ereignisse, die wir noch nicht sehen können, Er offenbart uns auch vieles Übernatürliche, das wir mit unseren Augen nicht erfassen können; Dinge, wie Engel, den Himmel, all davon spricht Gott in seinem Wort, und durch den Glauben werden wir von diesen Tatsachen überzeugt, weil wir wissen, dass Gottes Wort zuverlässig ist.

Der Glaube ist das Vertrauen in Gott

Als Gott Abraham, dem Vater aller Gläubigen, das erste Mal begegnete, sprach Er mit ihm über die Zukunft. Er sagte: „Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf der Erde!“ (1Mo 12,1-3).

Abraham glaubte Gott. Er verließ sein Zuhause, ohne zu wissen, wohin Gott ihn führen würde. Er zog in ein fremdes Land und in eine fremde Zukunft, die er zuvor nicht gesehen hatte. Das Neue Testament sagt uns: „Er wartete auf die Stadt, die auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist“ (Heb 11,10). Abraham war kein Abenteurer, der aufgrund einer geheimnisvollen Schatzkarte oder alten Legende nach einem versteckten Schatz suchte. Er zog umher, auf der Suche nach dem Ort, den Gott ihm zeigen wollte. Er vertraute Gott für etwas, das er vorher noch nie gesehen hatte, und durch diesen Glauben wurde er der Vater aller Gläubigen (vgl. Röm 4,16).

Wie Abraham, so sind auch wir Pilger und Fremdlinge in dieser Welt. Wir warten auf ein himmlisches Zuhause, eine Stadt, deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist. Bisher haben wir diese Stadt noch nicht gesehen, doch wir wissen, dass sie existiert, und wir sind davon überzeugt, dass es sich hierbei um Tatsachen handelt, denn wir vertrauen in den Einen, der diese Verheißungen erfüllen kann!

Herold-Schriftenmission, Herold, Januar 2015
© R. C. Sproul & TableTalk, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung

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