Erinnerst du dich noch daran, wie du das Lesen erlernt hast? Oder vielleicht erinnerst du dich eher daran, wie deine Kinder es lernten? Nachdem ein Kind über mehrere Jahre den Eltern beim Vorlesen zuhört, beginnt es damit, den Klang der einzelnen Buchstaben zu verinnerlichen, dann formt es erst ein-, zwei- und dreisilbige Worte und einige Zeit später ist es in der Lage ganze Abschnitte zu lesen. Ab diesem Moment dauert es noch eine Weile, bis das Kind den Sinn dessen, was es gelesen hat, völlig versteht. Lesen können ist etwas Großartiges! Doch noch viel großartiger ist die Tatsache, dass Gott zu uns in Seinem geschriebenen Wort spricht. Schritt für Schritt– wie kleine Kinder – lernen wir Sein Wort zu verstehen.

In 5. Mose 4 fordert der HERR Seine Kinder auf, auf Sein Wort zu hören, es zu kennen und zu befolgen. Er verlangt von ihnen, „auf die Satzungen und auf die Rechtsbestimmungen“ zu hören (V.1) und „nichts hinzufügen zu dem Wort … damit ihr die Gebote des Herrn, eures Gottes, haltet, die ich euch gebiete“ (V.2). Er erinnert sie an Seine Satzungen und Rechtsbestimmungen, damit sie danach handeln (vgl. V.5), mit dem Ziel, dass die umliegenden Völker „alle diese Gebote hören … und sagen: Wie ist doch dieses große Volk ein so weises und verständiges Volk!“ (V.6) und damit sie Ihn „fürchten lernen alle Tage ihres Lebens auf Erden, und damit sie auch ihre Kinder unterweisen!“ (V.10).

Doch damit wir lernen, diesen Gott, der zu uns spricht zu fürchten, müssen wir wissen, was Er sagt. Daher wollen wir uns folgende Frage stellen: „Wie muss das Wort Gottes gelesen werden?“ Diese Frage und die dazugehörige Antwort liefert uns der große Westminster Katechismus:

„Die Heilige Schrift muss gelesen werden mit hoher und ehrerbietiger Achtung vor ihr, mit der festen Überzeugung, dass sie das wahre Wort Gottes ist, und dass er allein uns befähigen kann, sie zu verstehen, mit dem Wunsch, den in ihr offenbarten Willen Gottes zu erkennen, ihm zu glauben und ihm zu gehorchen, ferner mit Fleiß und Aufmerksamkeit auf ihren Inhalt und Zweck, mit Nachdenken, Nutzanwendung, Selbstverleugnung und Gebet“ (Frage & Antwort #157).

  1. Lies Gottes Wort mit Ehrerbietung

Wir sollten Gottes Wort „mit hoher und ehrerbietiger Achtung“ lesen. Was heißt das genau? Nun, wenn wir mit Vorliebe die Werke eines speziellen Autors lesen, sollten wir dann nicht eine ganz besondere und weitaus größere Vorliebe für Gottes Wort haben? Wenn wir die Briefe und Gedichte von menschlichen Autoren lieben, wie viel mehr sollten wir dann die Worte lieben, die mit dem Finger Gottes geschrieben wurden, die aus Seinem Mund kommen?

Wenden wir uns noch einmal 5. Mose 4 zu, als der HERR zu Mose sprach: „Versammle mir das Volk, damit ich sie meine Worte hören lasse, und damit sie mich fürchten lernen“ (V.10). Hier zeigt uns Jahwe, dass Sein Wort zu hören gleichbedeutend ist, mit Ihn selbst zu hören. Gottes geschriebenes Wort zu lesen heißt, Gottes Stimme zu hören. Wie Thomas Watson einst sagte: „Bei jeder gelesenen Zeile denke daran, dass Gott zu dir spricht!“ Wenn du also deine Bibel mit Ehrerbietung liest, sei dir bewusst, dass du dabei Gottes Stimme hörst. Die Tatsache, dass die Bibel Gottes Liebesbrief an uns ist, sollte uns zutiefst demütigen und die Tatsache, dass Gott diesen Brief an Milliarden Menschen – auch an dich und an mich – richtet, sollte uns mit größter Ehrfurcht erfüllen.

  1. Lies Gottes Wort mit Überzeugung

Wir sollten Gottes Wort „mit der festen Überzeugung [lesen], dass sie das wahre Wort Gottes ist, und dass er allein uns befähigen kann, sie zu verstehen.“ Wir sind in aller Erkenntnis von Gottes Wort abhängig. Gregor der Große (540-604 n.Chr.) sagte: „[Wir] finden das Herz Gottes in den Worten Gottes.“ Weil wir davon überzeugt sind, Gottes Worte zu lesen, sollten wir auch davon überzeugt sein, dass nur Er uns dieses Wort verständlich machen kann. In den Psalmen lesen wie immer wieder von ähnlichen Bekenntnissen, wie dieses: „Öffne mir die Augen, damit ich sehe die Wunder in deinem Gesetz … Lass mich den Weg verstehen, den deine Befehle weisen … gib mir Einsicht, damit ich deine Gebote lerne“ (Ps 119,18.27.73). Spätestens aus dem Neuen Testament wissen wir, dass hiermit die Erleuchtung durch den Heiligen Geist gemeint ist (vgl. 1Kor 2,14).

Weil Gottes Wort vom Geist Gottes inspiriert wurde, ist es nötig, dass derselbe Geist uns das Wort verständlich macht – unabhängig von unserem Intellekt oder unserer Fähigkeit einen Text zu lesen. Der englische Puritaner Thomas Ridgeley (1667-1674 n.Chr.) sagte dazu: „Wenn Gott nicht unsere Bemühungen segnet, wird uns die wahre Gotteserkenntnis, die zum Heil nötig ist, für immer verborgen bleiben.“ Das heißt: Beim Lesen des Wortes Gottes kommt es nicht bloß darauf an die geschriebenen Worte mit dem Kopf zu verstehen, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes in unseren Herzen zu erfassen, was diese Worte mit meinem Leben zu tun haben. So wie ein Kind Hilfe von außen benötigt, um Lesen zu lernen, so benötigen wir die Hilfe Gottes, um zu verstehen, was Er uns durch Sein Wort sagen will.

  1. Lies Gottes Wort mit aller Ernsthaftigkeit

Wir sollten Gottes Wort „mit dem Wunsch [lesen], den in ihr offenbarten Willen Gottes zu erkennen, ihm zu glauben und ihm zu gehorchen.“ Als Mose das Volk zusammenrief, um ihnen Gottes Worte zu sagen, da tat er dies in dem Wunsch, dass sie sich danach richten (vgl. 5Mo 4,1).

Über diesen Punkt sollten wir besonders sorgfältig nachdenken. Es fällt uns leicht, in der Bibel nach lehrmäßigen Themen zu suchen, um Argumente für unsere theologischen Überzeugungen oder Beweise für Gespräche mit Ungläubigen zu finden. Dabei konzentrieren wir uns sehr stark auf „das Wort“ und vergessen, um wessen Wort es sich handelt. Das Wort ist das Mittel, das Gott erwählte, um Sich uns zu offenbaren. Wenn du dich also mit Gottes Wort beschäftigst, dann verbringst du deine Zeit nicht mit etwas, sondern mit jemandem. Diese Tatsache sollte für uns das Bibellesen zu einer ernsthaften und kostbaren Angelegenheit machen, weil wir auf diese Weise eine innige Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott haben.

  1. Lies Gottes Wort mit Fleiß

Wenn wir Gottes Wort lesen, sollten wir dies „mit Fleiß und Aufmerksamkeit auf ihren Inhalt und Zweck“ tun. Vielleicht bist du kein großer Freund von Grammatik, und Subjekt, Objekt, Prädikat, Pronomen und Nomen sind für dich langweilige Dinge? In der Gegend, in der ich lebe, ist der Anblick von Menschen mit Metalldetektoren keine Seltenheit. Wenn ein Mensch die ersten Male mit einem solchen Gerät arbeitet, wird er auf jedes Signal reagieren, in der Hoffnung etwas Wertvolles gefunden zu haben. Doch mit der Zeit entwickelt sich sein Gehör, und er wird die verschiedenen Signale der unterschiedlichen Metalle voneinander unterscheiden können. In vergleichbarer Weise wird auch ein Christ durch Fleiß und Eifer lernen, mit Gottes Wort in der rechten Weise umzugehen.

So haben auch die Propheten „gesucht und nachgeforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist des Christus in ihnen hindeutete, der die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgenden Herrlichkeiten zuvor bezeugte“ (1.Petr 1,10-11). Suchen und Forschen ist die richtige Vorgehensweise, um Gottes Wort zu lesen. Thomas Watson sagte: „Wer oberflächlich über das Wort Gottes schweift, wird nur wenig Gutes erhalten; doch wer ernsthaft darin liest, wird den ‚Geruch zum Leben‘ finden.

  1. Lies Gottes Wort und wende es auf dein Leben an

Der Katechismus sagt weiter, dass wir Gottes Wort „mit Nachdenken, Nutzanwendung, Selbstverleugnung und Gebet“ lesen sollen. Mose sprach zu einer Generation, die bei der großen Versammlung am Berg Horeb nicht zugegen war, und dennoch fordert er sie auf, ihre Kinder und Kindeskinder zu unterweisen, „wie an dem Tag, als du vor dem Herrn, deinem Gott, standest“ (5.Mo 4,10). Wie war das möglich? Der Punkt ist der, dass sie zwar nicht persönlich anwesend waren, sie aber durch das Zeugnis ihrer Eltern Gottes Worte in einer Weise lernten, durch die sie sich selbst mit ihnen identifizieren und sie auf sich beziehen konnten.

In diesem Fall war Gottes Wort für die eben erwähnte Generation Israels nichts Abstraktes, sondern etwas Persönliches. In Bezug auf uns fordert der Apostel Paulus: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen“ (Kol 3,16). Wir sollen über Gottes Wort nachsinnen – uns darin vertiefen, es verinnerlichen, unser Denken davon formen lassen –, und das weit mehr als wir es in Bezug auf die Bundesligatabelle, die aktuellen politischen Ereignisse oder ähnliches tun würden. Wenn das fortwährende Lesen des Wortes Gottes dazu führt, dass es in unserem Gedächtnis bleibt, dann bewirkt das intensive Nachsinnen, dass es in unsere Herzen sinkt. Auf diese Weise sammeln wir nicht nur Informationen, sondern werden verändert. Je mehr wir Gott kennenlernen, umso mehr werden wir Ihn lieben. Und je mehr wir Gott lieben, umso mehr wird sichtbar, dass wir ein offener Liebesbrief Christi an die Welt sind, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens (vgl. 2.Kor 3,3).

© Ligonier Ministries. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
Herold-Schriftenmission, September 2014.

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Die Bibel - das Wort Gottes, Leben zu Gottes Ehre, Praktische Ratschläge