Zu Beginn seines Briefes an die Römer nennt Paulus uns drei sehr wichtige Gründe, warum er selbst ein eifriger Prediger des Evangeliums ist; Gründe, die auch uns zu mutigen und eifrigen Verkündigern derselben Botschaft machen sollten.

  1. „Ich bin ein Schuldner …“ (V. 14)
  2. „Ich bin willig …“ (V. 15)
  3. „Ich schäme mich nicht …“ (V. 16)

Diese drei Gründe sind für uns deshalb von großer Bedeutung, weil sie das krasse Gegenteil sind von der Einstellung vieler heutiger Christen. Der heutige Christ sieht die Evangelisation als eine Option an, als etwas, wie einen „Sonderbeitrag“, den Gott auch besonders belohnen sollte. Paulus spricht dagegen von einer Verpflichtung. Heute stehen viele dieser Verkündigung widerwillig gegenüber. Paulus war dagegen voller Eifer und Leidenschaft. Einige müssen, wenn sie ehrlich sind, zugeben, dass es ihnen peinlich ist, mit Ungläubigen über das Evangelium zu sprechen. Paulus erklärt dagegen deutlich, dass er sich für diese wunderbare Botschaft nicht schämt. Dabei hätte Paulus weit mehr Anlass gehabt, bei der Verkündigung des Evangeliums kleinlaut oder zögerlich zu sein, als wir es haben.

Das Römische Reich, und insbesondere die Hauptstadt Rom, waren ein Symbol imperialer Macht und menschlicher Arroganz. Die Menschen sprachen mit Begeisterung von Rom und jeder hoffte, die Stadt wenigstens einmal in seinem Leben besuchen zu können, um dieses menschliche Wunder zu sehen und es zu bestaunen. Wie winzig und unbedeutend schien im Vergleich dazu dieser Paulus. Er, der Rom nicht als Tourist, sondern als Evangelist besuchen wollte und der der Meinung war, dass er Rom eine lebenswichtige Botschaft zu verkünden hätte. War diese Meinung nicht anmaßend und verrückt?

Frühchristliche Schriften beschreiben Paulus als einen unansehnlichen, kleinen Mann, dessen Augen so schlecht waren wie seine rhetorischen Fähigkeiten. Was also konnte dieser Mann der Schönheit, dem Stolz und der Macht Roms entgegensetzen? Wäre es nicht klüger gewesen, er wäre Rom ferngeblieben oder hätte sich zumindest im Hintergrund gehalten, bevor er sich vor der gesamten Stadt lächerlich macht?

Offensichtlich sah Paulus dies anders. Er schreibt: „Ich bin ein Schuldner …, ich bin willig …, ich schäme mich nicht!“ Beeindruckend, nicht wahr? Aber was waren die Ursachen für seinen Eifer?

  1. Das Evangelium ist eine Schuld der Welt

Warum habe ich diesen Punkt so merkwürdig formuliert? Inwiefern ist das Evangelium eine Schuld der Welt? Nun, es gibt zwei mögliche Wege, wie man in die Schuld von jemandem geraten kann:

1.)    Wenn ich mir von jemandem Geld leihe;

2.)    wenn mir jemand Geld anvertraut, das einer dritten Person gehört.

Nehmen wir an, ich würde mir 1000 Pfund von Dir leihen, dann stünde ich so lange in deiner Schuld, bis ich den vollen Betrag zurück bezahle. Dasselbe würde zutreffen, wenn eine andere Person Dir 1000 Pfund schuldet und sie mir das Geld anvertraut, damit ich es Dir aushändige; auch dann stünde ich solange in deiner Schuld, bis ich Dir das Geld vollständig aushändigte. Im ersten Fall wäre ich selbst in Schuld geraten, im zweiten Fall hätte mich die andere Person in den Stand des Schuldners versetzt, indem sie mir das Geld anvertraute.

Wenn Paulus sich als „Schuldner der Griechen wie auch der Nichtgriechen“ bezeichnet, dann tut er das im Sinne des zweiten Falls. Er selbst hat sich nichts von den Griechen oder Nichtgriechen geliehen, sodass er ihnen etwas zurückzahlen müsste. Nein, vielmehr ist es so, dass ihm das Evangelium von Jesus Christus anvertraut wurde, damit er es zu den Heiden bringe. Paulus erwähnt dies immer wieder in seinen Briefen (vgl. 1Kor 4,1 ff.; Gal 2,7; 1Thes 2,4; 1Tim 1,11; Tit 1,3). Indem Jesus Christus Paulus die Botschaft und das Geheimnis des Evangeliums anvertraute, machte Er ihn zum Schuldner, „sowohl der Griechen wie auch der Nichtgriechen, sowohl der Weisen wie auch der Unverständigen (oder Ungebildeten)“. Mit diesen gegensätzlichen Beschreibungen meint Paulus die ganze heidnische Welt. Und weil ihm diese große Verantwortung so sehr bewusst war, fügte er hinzu: „Dementsprechend bin ich, soviel an mir ist, willig, auch euch, die ihr in Rom seid, das Evangelium zu verkündigen“ (V. 15).

Aber nicht nur Paulus, sondern auch wir sind in gleicher Weise Schuldner gegenüber der Welt. Wenn wir zum Glauben an das Evangelium gekommen sind, dann haben wir nicht das Recht, es einfach für uns zu behalten. Die Gute Nachricht muss verbreitet werden. Und wir stehen in der Verantwortung, sie anderen weiter zu sagen!

Diese Tatsache war der erste Ansporn für Paulus. Er war willig und eifrig in der Verbreitung dieser Botschaft, weil er es schuldig war. In der Schuld eines anderen zu stehen und diese Schuld nicht zu begleichen gilt in den Augen der ganzen Welt als etwas Ehrenloses. Wir hingegen sollten es als unsere Ehre und unsere Pflicht sehen, der Verkündigung des Evangeliums nachzukommen.

  1. Das Evangelium ist die Kraft zur Rettung

Nun nennt Paulus uns einen zweiten Grund für seinen Eifer in der Verkündigung und dafür, weshalb er sich nicht für das Evangelium schämt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“ (V. 16). Manche Theologen tun sich so schwer mit dem Gedanken, dass Paulus nur daran denken könnte, sich des Evangeliums zu schämen. Sie meinen, Paulus hätte hier ein rhetorisches Stilmittel gebraucht, und anstatt zu sagen: „Ich bin stolz auf das Evangelium“, eben diese Formulierung verwendet. Aber ich glaube, dass diese Ansicht nicht die wahre Absicht des Paulus mit seiner Aussage vermittelt.

Jesus hatte selbst seine Jünger davor gewarnt, sich seiner zu schämen, was ein Hinweis dafür ist, dass die Möglichkeit dazu besteht (vgl. Mk 8,38). Und Paulus gibt Timotheus eine ähnliche Ermahnung (vgl. 2Tim 1,8.12). Pastor James Stewart aus Edinburgh sagte einmal in einer Predigt über diesen Text: „Es macht keinen Sinn zu erklären, dass man sich einer Sache nicht schäme, wenn nicht die Versuchung dazu da wäre.“ Und Paulus kannte ohne Zweifel diese Versuchung. In seinem Brief an die Korinther schreibt er: „Und ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und in vielem Zittern“ (1Kor 2,3). Er wusste, dass das Evangelium für die einen eine „Torheit“ und für die anderen ein „Ärgernis“ ist (vgl. 1Kor 1,18.23), denn es steht unserem selbstgerechten und lustorientierten Leben entgegen. Wo also das Evangelium aufrichtig und ohne Umschweife gepredigt wird, entstehen meistens Ablehnung, Verachtung und Spott.

Wie konnte Paulus (und wie können wir) der Versuchung widerstehen, in Bezug auf das Bekenntnis des Evangeliums Scham zu empfinden? Paulus nennt uns den Grund: Denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden! Wir haben diese Kraft doch in unserem eigenen Leben erfahren. Hat Gott dich nicht durch Christus mit sich selbst versöhnt, dir alle Schuld vergeben und dich zu seinem Kind gemacht? Lässt Er nicht seinen Heiligen Geist in dir wohnen, der uns umgestaltet und uns in die tiefe, erneuerte Gemeinschaft mit Gott führt? Wenn ja, wie kannst du dich dann dieser Botschaft schämen?

Doch mehr noch als das, ist das Evangelium die errettende Kraft „zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“. Der rettende Glaube, der die notwendige Antwort auf das Evangelium ist, setzt alle Glaubenden auf eine Stufe. Denn jeder Mensch, der gerettet ist, wurde auf ein und dieselbe Weise gerettet: Durch Glauben! Dies gilt für Juden und Nichtjuden gleichermaßen. In Bezug auf die Errettung, besteht zwischen ihnen keinerlei Unterschied (vgl. Röm 3,22; 4,11; 10,12; Gal 3,28). Die besondere Stellung der Juden („dem Juden zuerst“) hat den theologischen und historischen Grund, dass Gott sie als sein Bundesvolk zuerst erwählte („Zu euch musste notwendig das Wort Gottes zuerst geredet werden …“ Apg 13,46a).

Wir haben gesehen, dass der Eifer des Paulus, für die Verkündigung des Evangeliums darin bestand, dass er sich als ein Schuldner gegenüber der verlorenen Welt wusste, und der Inhalt seiner Botschaft eben die Kraft zur Errettung aus der Verlorenheit ist. Beide Wahrheiten betreffen auch uns heute. Wenn wir die rettende und verändernde Kraft des Evangeliums in unserem eigenen Leben erfahren haben, sind wir in der Lage mit Paulus zu sagen: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, … ich bin ein Schuldner, … ich bin willig das Evangelium zu verkündigen.“

  1. Das Evangelium offenbart Gottes Gerechtigkeit

„Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte aber wird aus Glauben leben‘“ (V. 17).

Bemerken wir die Logik in Paulus‘ Argumentation: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil … Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart …“ Der Grund, weshalb das Evangelium Gottes Kraft zur Rettung ist, liegt darin, dass Gottes Gerechtigkeit in dem Evangelium geoffenbart wird – eine Gerechtigkeit „aus Glauben zu Glauben“. So, wie es der Prophet Habakuk voraussagte, so ist es erfüllt: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Habakuk 2,4; Röm 1,17). Viele sind der Meinung, dass diese beiden Verse (V. 16-17) die Grundlage für alle weiteren Kapitel des Römerbriefes bilden. Und ja, die beiden Verse sind tatsächlich sehr entscheidend für unser Verständnis der folgenden Erläuterungen. Allerdings stellen sich uns beim Lesen der beiden Verse drei sehr wichtige Fragen:

  1. Was ist „Gottes Gerechtigkeit“?
  2. Was bedeuten die Worte „aus Glauben zu Glauben“?
  3. Wie sind Habakuk 2,4 und vor allem Paulus‘ Anwendung dieser Bibelstelle zu verstehen?
  • „Gottes Gerechtigkeit“

Die beiden Worte „Gottes Gerechtigkeit“ (gr. dikaiosynē theou) sprechen von Gottes gerechter Initiative, Sündern Seine eigene göttliche Gerechtigkeit zu schenken – eine Gerechtigkeit, die der Sünder selbst nie erreichen könnte – um sie somit als Gerechte freizusprechen. „Gottes Gerechtigkeit“ zeigt sich in seiner gerechten Rechtfertigung des Ungerechten, indem Er Christus, den Gerechten, anstelle der Ungerechten sterben ließ. Gott pflanzt seine Gerechtigkeit jedem ein, der sein Vertrauen in Gott setzt und Ihn um Gnade anfleht.

  • „Aus Glauben zu Glauben“

Der Apostel bestätigt nun seine Darlegung des rettenden Glaubens, indem er das Alte Testament aus Habakuk 2,4 zitiert: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ Der Prophet Habakuk beklagte sich bei Gott darüber, dass dieser ein grausames Volk wie Babylon erweckte, um Israel zu bestrafen. Wie konnte Gott den Gottlosen als Richter für den Gottlosen gebrauchen? Gott klärt Habakuk darüber auf, dass, während die hochmütigen Babylonier fallen werden, die gerechten Israeliten durch ihren Glauben leben werden – dieser Glaube, so macht es der Zusammenhang deutlich, war nichts anderes als das demütige und feste Vertrauen in Gottes Verheißungen.

Aber ist es legitim, dass Paulus im Römerbrief Habakuk auf diese Weise zitiert, um zu beweisen, dass der Glaube zur Gerechtigkeit führt? Ich denke ja! Immer wieder verwendet Gottes Wort im Zusammenhang mit denen, die zu Gott gehören, Begriffe wie „Gerechtigkeit“, „Glaube“ und „Leben“. Es besteht kein Zweifel daran, dass jeder der glaubt auch durch den Glauben die Gerechtigkeit hat, die zum ewigen Leben führt! Die Gerechtigkeit und das Leben entstehen beide durch den Glauben. Die durch den Glauben vor Gott gerecht geworden sind, werden auch durch den Glauben leben. Sie begannen den Weg zum Leben durch den Glauben und sie werden ihn durch den Glauben auch vollenden – „aus Glauben zu Glauben“.

 

© Herold-Schriftenmission e.V., Herold Februar 2014

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Artikel, Evangelium, Verkündigung des Evangeliums

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