Der Starke und der Schwache

Stärke kann sowohl physisch als auch moralisch sein und sie wird immer in einem bestimmten Verhältnis zu etwas gemessen. Starke Menschen können häufig schwere Dinge emporheben, starke Menschen setzen sich aber auch standhaft für Gerechtigkeit ein und gegen die Ungerechtigkeit. Starke Menschen leiten, sie dominieren Gruppen und je nach Situation stehen sie für Veränderung. Starke Menschen tragen oftmals große Lasten mit sich, die sie, sobald sie herausgefordert werden, auch auf andere Menschen werfen können. Starke Menschen gewinnen Anerkennung für ihre Verdienste und Respekt für ihren Einsatz. Eltern wollen gerne, dass ihre Kinder groß und stark werden, ebenso wie Erzieher oder Ausbilder möchten, dass ihre „Zöglinge“ stark werden – denn Stärke ist die Voraussetzung für effektives Handeln.

So sieht es zumindest in der Welt um uns herum aus. Doch wie schaut dies in den Augen Gottes aus? Auf den ersten Blick ist kein großer Unterschied zu erkennen, wie uns folgende Bibelstellen deutlich machen:

  • Dreimal sagt Jahwe zu Josua, dem Nachfolger Moses: „Sei stark und sei mutig“ (Josua 1,6-7+9).
  • Paulus ermutigt die Gemeinde in Ephesus, indem er sie auffordert: „Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Epheser 6,10).
  • Und an einer anderen Stelle möchte Paulus seinen Freund Timotheus in dessen Amt als Pastor ermutigen: „Sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ (2. Timotheus 2,1).

Selbstverständlich sprechen diese Verse von einer geistlichen Stärke und die Bibel macht an vielen Stellen deutlich, wie wichtig es ist, geistlich stark zu sein und wir uns nicht mit wenig zufrieden geben sollten.

Doch schauen wir einmal unter die Oberfläche. Warum finden wir solche Aufforderungen zum Starksein in der Bibel? Die Antwort ist ganz einfach: Um die Angst vor der eigenen Schwachheit zu vertreiben! Wenn wir uns die Situationen vor Augen halten, in denen sich Josua und Timotheus befanden, dann wundert es uns nicht, dass sie von Furcht erfüllt und niedergeschlagen waren. Josua musste als Nachfolger Moses dessen Amt und Auftrag übernehmen; eine Aufgabe, die alles andere als leicht war; dasselbe trifft auf Timotheus und dessen Amt zu, das er von Paulus übertragen bekommen hatte. Beide, Josua und Timotheus, wussten um ihr eigenes Unvermögen. Sie waren ganz einfach zu schwach und hätten ihre Aufgaben ohne Gott Hilfe niemals erfüllen können.

Schwachheit im Gegensatz zu Stärke ist nichts anderes als Unfähigkeit. Hier können wir wieder von physischer Schwachheit – also von einem Mangel an Kraft und Energie und natürlich auch von mangelnder Muskelkraft – sprechen; aber es kann auch bedeuten, dass jemand intellektuell schwach ist und deshalb nicht in der Lage ist, bestimmte Denkaufgaben zu meistern. Der begnadete Autor C. S. Lewis war zum Beispiel auf dem Gebiet der Mathematik ein völliger Versager und mir selbst ergeht es ähnlich! Außerdem gibt es da noch den Bereich der persönlichen Schwachheit, wenn es einem Menschen an Entschlossenheit, Charakterstärke oder Autorität mangelt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht solche Schwachheiten bewusst werden.

Schwachheit steht meistens im Zusammenhang mit dem Gefühl des Versagens – manchmal ist sie die Ursache, manchmal das Resultat. Der Gedanke daran, in der Vergangenheit versagt zu haben, kann wie eine dunkle Wolke über dem Leben hängen und die zukünftigen Entscheidungen so beeinflussen, das erneutes Versagen schon vorprogrammiert ist. Der christliche Glaube, verbunden mit der starken Hoffnung auf Gottes Macht und Gnade, sollte solche Ängste und negative Erwartungen eigentlich aus dem Leben eines Christen verbannen. Leider lassen wir dies oft selbst nicht zu, sondern sind stattdessen entmutigt und tragen noch dazu bei, dass andere Gläubige durch uns entmutigt werden.

Tatsächlich ist jeder von uns schwach und unfähig – nicht nur in persönlicher, sondern vor allem in geistlicher Hinsicht – und wir müssen dieser Tatsache ins Auge sehen. Die Sünde, die uns völlig durchdringt, beeinflusst uns und jede Beziehung, die auf menschlicher Ebene existiert. Wir sind gezwungen, unsere Begrenztheit und unser Unvermögen in einer solchen Weise einzusehen, dass diese Erkenntnis in uns Demut und Selbstmisstrauen bewirkt. Wir müssen verstehen, wie nötig wir Hilfe brauchen! Nur so sind wir in der Lage, unser Vertrauen auf Jesus Christus, als den persönlichen Erretter und Herrn, zu setzen. Die bewusste Abhängigkeit von IHM muss zur Grundeinstellung unserer Herzen werden, damit wir wie Paulus sagen können: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2. Korinther 12,10).

Paulus und die Korinther

Paulus offenbarte den Korinthern, dass der Weg zu wahrer geistlicher Stärke, zu einem fruchtreichen Leben und Dienst in Christus, über Demut und Selbstmisstrauen führt; über die Erkenntnis der eigenen Schwachheit in Bezug auf geistliche Dinge. Diese Wahrheit tritt an keiner Stelle im Neuen Testament so deutlich hervor, wie bei den Schriften des Paulus – und am deutlichsten wird dies in seinem zweiten Brief an die Korinther.

Die Gemeinde in Korinth war wilder, undisziplinierter und respektloser ihrem Gründer gegenüber als alle anderen Gemeinden, die durch Paulus‘ Evangelisationstätigkeit entstanden waren. Die zwei Korintherbriefe, die wir heute besitzen, zeigen uns, dass die Korinther viel mehr zu lernen hatten, und weniger lernbereit waren, als es bei den Ephesern, Philippern und Thessalonichern der Fall war. Paulus hatte sein Bestes getan, um den Korinthern zu erklären, welche Autorität er als Apostel innehatte, und warum sie ihren Lebenswandel nach dem ausrichten sollten, was er sie lehrte. Doch es ist offensichtlich, dass sie von Paulus nicht sehr beeindruckt waren und keinen großen Eifer daran legten, sich nach seinen Vorschriften zu richten.

Die Liebe, die Paulus für die Korinther hegte, war echt, und er drückte diese Liebe immer wieder in seinen Briefen aus – doch er musste erleben, dass diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Obwohl er immer wieder alles für die Korinther gegeben hatte, schenkten sie anderen Lehrern und falschen Lehren ihre Aufmerksamkeit und stellten Paulus ins Abseits. Ein kurzer Überblick über die Ereignisse in Korinth macht das deutlich:

Paulus‘ erster Besuch in Korinth dauerte vermutlich zwei Jahre (ca. 50-52 n. Chr.). Der Widerstand der jüdischen Geistlichen war stark, doch die Zahl der Juden, die zu Christus bekehrt wurden war noch stärker (vgl. Apostelgeschichte 18,1-18). Dann, ca. vier Jahre später, sandten die Korinther Paulus einen Brief mit einigen wichtigen Fragen. Paulus schrieb als Antwort den heute uns erhaltenen 1. Korintherbrief. Und obwohl Paulus jeden Grund hatte, die Gemeinde für ihre Fehler und Unordnung zusammen zu stauchen, schaffte er es, freundlich zu bleiben. Später musste er der Gemeinde allerdings einen Besuch abstatten, um einige Probleme vor Ort zu regeln; denn einige hatten den rechten Weg verlassen und waren dabei, auch andere mit sich zu ziehen.

Auf diesen Besuch folgte ein strengerer Brief mit praktischen Anweisungen wie die Gemeinde, gegen problematische Gemeindeglieder vorzugehen hatte (dieser Brief ist uns nicht erhalten geblieben!). Nachdem Paulus diesen Brief verfasst hatte, war er gespannt, ob die Korinther seine Anweisungen ernst nehmen würden oder ob er sie damit vergrault hatte. Also sandte er Titus zu ihnen, um nachzusehen, und zu seiner Freude berichtete ihm Titus, dass sie sich den Brief zu Herzen genommen und die Anweisungen umgesetzt hatten (vgl. 2. Korinther 7,5-16). Doch Titus hatte auch andere, nicht so gute Nachrichten für Paulus. Sogenannte „Superapostel“ (vgl. 2. Korinther 12,11 NGÜ) hatten sich in der Gemeinde niedergelassen und wiegelten die Gemeinde gegen Paulus auf. Also beschloss Paulus, die Gemeinde erneut zu besuchen und es persönlich mit diesen selbsternannten Aposteln aufzunehmen. Zuvor schrieb er unseren 2. Korintherbrief (in Wirklichkeit seinen dritten), um sie auf seinen Besuch vorzubereiten.

Der Inhalt des Briefes bestand aus drei Teilen:

Erstens wollte er die Korinther davon überzeugen, dass er sie liebte und flehte sie an, ihm dieselbe Liebe entgegen zu bringen (vgl. 6,11-13). Die ersten sechs Kapitel dienten dazu, ihnen bewusst zu machen, wie viel er als Apostel bisher erlitten hatte (er war in Ephesus dem Tode nah, 2. Kor 1,8-10; er wird unablässig von allen Seiten bedrängt, 4,7-18; er hätte fast den Verstand verloren, 5,13; er war an schlechte Bedingungen und schlechte Behandlungen schon fast gewöhnt, 6,4-10; 11,23-33). Und all dies ertrug er, um zu beweisen, wie wichtig seine Botschaft und seine Berufung war, und er hoffte, dass die Korinther ihn angesichts dieser Dinge doch lieben und respektieren (vgl. 4,15 „unser ganzer Dienst geschieht für euch.“).

Zweitens wollte Paulus sichergehen, dass die Korinther ihre Spendensammlung für die Gemeinde in Jerusalem erledigt hatten. Die Gläubigen in Jerusalem waren mittelos und benötigten dringend finanzielle Unterstützung. Paulus hatte die verschiedenen Gemeinden gebeten, die Jerusalemer Geschwister mit freiwilligen Gaben zu unterstützen, um auf diese Weise auch die Einheit der Gemeinde zu demonstrieren. Paulus hatte vor, von Korinth aus direkt nach Jerusalem zu reisen, und er hoffte so, die gesammelten Spenden der Korinther mit dem restlichen Geld nach Jerusalem zu bringen.

Drittens er wollte dem Einfluss der falschen Apostel entgegenwirken, die sich gegen Paulus aussprachen. Sie hatten ihn als „schwach“ bezeichnet, um ihre Missachtung auszudrücken (vgl. 10,10). Paulus bekennt sich hier schuldig im Sinne der Anklage. Er erklärt ihnen, wenn er schwach ist, dann ist er eigentlich stark, und er verspricht ihnen, dass er bereit wäre seine Stärke in Christus zu demonstrieren, indem er die selbsternannten Apostel in ihre Schranken weist, sobald er Korinth erreicht habe (vgl. 12,20-13,4).

Der Schwache wurde stark

Zweifellos war es die Kritik aus Korinth, die Paulus dazu brachte, so sehr auf seine eigene Schwachheit einzugehen. Doch sein Bericht über die durch Gottes Vorsehung bewirkten Herausforderungen während seiner Missionsreisen zeigt, dass er sich auch vorher schon seiner relativen schwachen Position in der Gemeinde und in der Welt bewusst war. Daher formuliert er seine Aufforderung betreffend der Spendensammlung für Jerusalem auch in sehr vorsichtiger Weise: „Ich sage das nicht als Gebot, sondern um durch den Eifer anderer auch die Echtheit eurer Liebe zu erproben“ (8,8).

Mitten in diesem dritten Teil seines Briefes kommt Paulus‘ Bekenntnis seiner Schwachheit zu ihrem Höhepunkt, als er den Korinthern offenbart, dass Gott ihm einen Pfahl ins Fleisch gegeben hat, der ihn vor Hochmut bewahren soll (vgl. 12,7). Wir wissen nicht genau, was es damit auf sich hat. Waren es Augenprobleme, wie manche meinen? Eine Krankheit oder Lähmung? Offensichtlich war es etwas Körperliches und sehr schmerzhaft, sonst hätte er es nicht als Pfahl (in manchen Übersetzungen „Dorn“) im Fleisch bezeichnet. Darüber hinaus wissen wir allerdings nichts – und das müssen wir auch nicht. Doch Paulus berichtet uns noch davon, dass er dreimal Gott „den Herrn angerufen, dass er von mir ablassen möge. Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung“ (V. 8).

Obwohl Paulus von seinen Leiden nicht geheilt wurde, wusste er sich dennoch nicht verlassen. Im Gegenteil, Paulus kann bezeugen: „Darum will ich mich am liebsten vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft des Christus bei mir wohne. Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um des Christus willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (12,9-10).

Mein persönlicher Nachtrag

Meine eigene Feststellung ist, dass das Leben und der Dienst als Christ aus einem Leben in Schwachheit bestehen – soweit es die menschliche Kraft betrifft. Nur Gottes Kraft kann uns halten und fähig machen. Das habe ich bereits als Kinder erfahren dürfen. Ich war ein einsames und trauriges Kind. Während meiner Schulzeit trug ich zehn Jahre lang eine Aluminiumplatte in meinem Kopf, die ein großes Loch in meinem Schädel verdecken sollte – das Ergebnis eines schweren Autounfalls. Ich war nicht fähig mit den anderen Kindern draußen zu spielen. Doch während dieser Zeit fand ich heraus, worauf es wirklich ankommt. Und dazu gehörte, dass ich mir meiner eigenen Schwachheit mehr und mehr bewusst wurde.

Jetzt, nachdem ich älter geworden bin haben die Schwierigkeiten nicht nachgelassen. Meine körperliche Kraft nimmt mehr und mehr ab und die Wahrnehmung meiner eigenen Unfähigkeit nimmt zu. Doch meine Wertschätzung von Gottes Wort und besonders des 2. Korintherbriefes ist mit der Zeit immer mehr gewachsen, denn ich wusste, dass Paulus schon vor mir da war und dass der Gott, der auch ihn gebrauchte, derselbe ist, der über meinem Leben wacht.

 

© crossway

Herold-Schriftenmission, Herold März 2014

Aus Weakness ist he Way. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Crossway.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorie

Evangelium, Freie Gnade, Leben zu Gottes Ehre, Trost durch Göttliche Verheißungen

Schlagwörter

, , ,