Ich möchte über den Unterschied zwischen Rechtfertigung und Heiligung nachdenken. Worin stimmen sie überein, und wo unterscheiden sie sich?

Dieses Thema ist von großer Wichtigkeit, aber ich fürchte, dass nicht alle meine Leser dies so sehen. Ich möchte es kurz behandeln, aber ich kann es nicht völlig außer Acht lassen. Zu viele neigen dazu, in Glaubensdingen nur an der Oberfläche zu kratzen und theologische Unterschiede als Fragen über „Fabeln und Geschlechtsregister“ zu betrachten, die nicht wirklich wichtig sind. Aber ich warne alle, die sich ernsthaft um ihre Seele bemühen, dass es wirklich große Probleme bereitet, wenn man in der christlichen Lehre nicht zwischen Dingen trennt, die sich unterscheiden. Und ich empfehle ihnen dringend, sich Klarheit in der uns vorliegenden Angelegenheit zu verschaffen, wenn sie den Frieden lieben. Wir müssen immer daran denken, dass Rechtfertigung und Heiligung zwei verschiedene Dinge sind. Jedoch gibt es Funkte, in denen sie übereinstimmen, und Punkte, in denen sie sich unterscheiden. Nun wollen wir versuchen herauszufinden, welche Punkte dies sind.

Worin gleichen sich Rechtfertigung und Heiligung?

  1. Beide rühren ursprünglich aus der freien Gnade Gottes her. Es ist allein sein Geschenk, dass Gläubige überhaupt gerechtfertigt oder geheiligt sind.
  2. Beide sind Teil des großen Rettungswerkes, das Christus in seinem ewigen Bund für sein Volk erwirkt hat. Christus ist die Quelle des Lebens, aus der gleichermaßen Vergebung und Heiligung fließen. Der Ursprung von beiden ist Christus.
  3. Beides ist in der gleichen Person zu finden. Wer gerechtfertigt ist, ist immer auch geheiligt, und wer geheiligt ist, ist immer auch gerechtfertigt. Gott hat diese beiden Dinge miteinander verbunden, sie können nicht auseinander dividiert werden.
  4. Beide beginnen zur selben Zeit. In dem Augenblick, wo eine Person gerechtfertigt ist, ist sie auch geheiligt. Vielleicht spürt sie es nicht, aber es ist eine Tatsache.
  5. Beide sind gleichermaßen heilsnotwendig. Niemand ist je in den Himmel gekommen, der nicht ein erneuertes Herz sowie Vergebung, nicht die Gnade des Geistes sowie das Blut Christi empfangen hat, ohne den Anforderungen für die ewige Herrlichkeit zu genügen sowie einen Rechtsanspruch darauf zu haben. Das eine ist genauso notwendig wie das andere.

Dies sind die Punkte, in denen Rechtfertigung und Heiligung miteinander übereinstimmen. Lassen Sie uns nun die Medaille umdrehen und schauen, worin sie sich unterscheiden:

Worin unterscheiden sich Rechtfertigung und Heiligung?

  1. Rechtfertigung heißt, jemanden um eines anderen willen für gerecht zu erklären und zu halten, nämlich um des Herrn Jesus Christus willen. Heiligung heißt, einen Menschen nun tatsächlich innerlich gerecht zu machen, wenn auch vielleicht in einem sehr schwachen Maße.
  2. Die Gerechtigkeit, die wir durch unsere Rechtfertigung besitzen, ist nicht unsere eigene, sondern die ewige vollkommene Gerechtigkeit unseres großen Mittlers Christus, die uns angerechnet wurde und unser Eigen wurde durch den Glauben. Die Gerechtigkeit, die wir durch die Heiligung haben, ist unsere eigene Gerechtigkeit, vom Heiligen Geist verliehen, in uns eingewurzelt und gewirkt, obgleich vermischt mit viel Schwachheit und Unvollkommenheit.
  3. In der Rechtfertigung haben unsere eigenen Werke überhaupt keinen Platz, und der schlichte Glaube ist das Einzige, was nötig ist. In der Heiligung sind unsere eigenen Werke äußerst wichtig, und Gott gebietet uns, zu kämpfen, zu wachen, zu beten, zu ringen und Mühe und Leid auf uns zu nehmen.
  4. Die Rechtfertigung ist ein fertiges und abgeschlossenes Werk, und in dem Augenblick, in dem ein Mensch zum Glauben kommt, ist er vollkommen gerechtfertigt. Die Heiligung ist ein vergleichsweise unvollständiges Werk, das niemals vollkommen sein wird, bis wir im Himmel sind.
  5. Die Rechtfertigung lässt kein Wachstum und keine Steigerung zu: Ein Mensch ist in der Stunde, in der er das erste Mal im Glauben zu Christus kommt, genauso viel gerechtfertigt, wie er es in alle Ewigkeit sein wird. Die Heiligung ist in hohem Maß fortschreitend und bietet Raum für lebenslanges beständiges Wachstum und Fortschreiten.
  6. Die Rechtfertigung nimmt besonderen Bezug auf uns als Person, unseren Stand in Gottes Gegenwart und unsere Erlösung von der Schuld. Die Heiligung nimmt besonderen Bezug auf unseren Charakter und auf die moralische Erneuerung unseres Herzens.
  7. Die Rechtfertigung gibt uns das Recht, in den Himmel zu kommen, und verleiht uns die Kühnheit, einzutreten. Die Heiligung vermittelt uns die Würde für den Himmel und bereitet uns vor, uns seiner zu freuen, wenn wir dort wohnen.
  8. Die Rechtfertigung ist Gottes Wirken an uns und ist von anderen nicht so leicht zu erkennen. Die Heiligung ist Gottes Wirken in uns und kann mit seinen äußerlich sichtbaren Äußerungen nicht vor den Augen der Menschen verborgen bleiben.

Ich empfehle meinen Lesern, diese Unterschiede zu beachten, und ich bitte sie, gut darüber nachzudenken. Ich bin davon überzeugt, dass ein häufiger Grund für die Unklarheit und das Unbehagen vieler wohlmeinender Leute im Blick auf den Glauben ihre Gewohnheit ist, Rechtfertigung und Heiligung zu verwechseln und sie nicht zu unterscheiden. Es kann nicht nachhaltig genug betont werden, dass dies zwei verschiedene Dinge sind.

Sie können ohne Zweifel nicht voneinander getrennt werden, und jeder, der etwas von dem einen hat, besitzt beides. Doch nie, niemals sollten sie miteinander verwechselt werden, und niemals sollten die Unterschiede zwischen den beiden vergessen werden.

Praktische Überlegungen

Ich kann dieses Thema jetzt nur noch mit ein paar klaren Sätzen über dessen Anwendung zum Abschluss bringen. Wir haben uns das Wesen und die sichtbaren Merkmale der Heiligung vor Augen geführt. Zu welchen praktischen Überlegungen sollte uns die ganze Sache bringen?

  1. Lassen Sie uns erstens einmal alle ein Gespür für den gefährlichen Zustand vieler bekennender Christen entwickeln. Ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen; ohne Heiligung gibt es kein Heil (vgl. Hebräer 12,14). Wie viel Frömmigkeit gibt es demnach, die völlig nutzlos ist! Was für ein immenser Anteil von Kirch- und Gemeindegängern befindet sich auf dem breiten Weg, der ins Verderben führt! Dieser Gedanke ist schrecklich, niederschmetternd und erdrückend. Würden doch Prediger und Lehrer die Augen aufmachen und den Zustand der Seelen um sie herum wahrnehmen! Wenn man doch Menschen davon überzeugen könnte, vor dem „künftigen Zorn“ zu entrinnen (vgl. Lukas 3,7)! Wenn ungeheiligte Seelen gerettet werden und in den Himmel gelangen könnten, dann ist die Bibel nicht wahr. Doch die Bibel ist wahr und kann nicht lügen! Wie wird das Ende sein!
  2. Lassen Sie uns zum anderen unseren eigenen Zustand ehrlich beurteilen und niemals ruhen, bis wir spüren und wissen, dass wir selbst „geheiligt“ sind. Was sind unsere Neigungen, Vorlieben, Wünsche und Leidenschaften? Das ist die große Testfrage. Es kommt nicht darauf an, wie wir vor unserem Tod zu sein wünschen, hoffen und begehren. Wie steht es jetzt um uns? Was tun wir? Sind wir geheiligt oder nicht? Wenn nicht, dann ist das allein unser eigener Fehler.
  3. Des Weiteren ist unser Weg, wenn wir geheiligt werden wollen, klar und offensichtlich: Wir müssen mit Christus beginnen. Wir müssen zu ihm als Sünder gehen, mit keiner anderen Bitte als unserer sehr großen Not, und unsere Seele im Glauben auf ihn werfen, um so Frieden und Versöhnung mit Gott zu erlangen. Wir müssen uns in seine Hand begeben, wie in die Hand eines guten Arztes, und ihn um Barmherzigkeit und Gnade anrufen. Wir dürfen nicht warten, bis wir etwas vorzuweisen hätten, was wir als Empfehlung mitbringen könnten. Der allererste Schritt zur Heiligung ist, genauso wie bei der Rechtfertigung, im Glauben zu Christus zu kommen. Wir müssen erst leben und dann arbeiten.
  4. Zum anderen müssen wir, wenn wir in der Heiligkeit wachsen und geheiligter werden wollen, beständig so weitermachen, wie wir begonnen haben, und uns unaufhörlich neu mit unseren Bitten an Christus wenden. Er ist das Haupt, von dem aus jedes Glied versorgt wird (vgl. Epheser 4,15.16). Das große Geheimnis wachsender Heiligung liegt darin, sein Leben jeden Tag im Glauben an den Sohn Gottes zu führen und täglich aus seiner Fülle die verheißene Gnade und Kraft in Anspruch zu nehmen, die er für sein Volk bereithält. Gläubige, deren Wachstum scheinbar zum Stillstand gekommen ist, vernachlässigen im Allgemeinen eine enge Beziehung zu Jesus und betrüben somit den Heiligen Geist. Er, der in der letzten Nacht vor seiner Kreuzigung betete: „Heilige sie“, ist über alle Maßen bereit, jedem zu helfen, der ihn im Glauben um Hilfe bittet und wünscht, heiliger zu werden.
  5. Lassen Sie uns des Weiteren hier auf Erden nicht zu viel von unseren eigenen Herzen erwarten. Bestenfalls werden wir in uns selbst täglich Grund zur Demut finden und entdecken, dass wir zu jeder Stunde der Gnade und Barmherzigkeit bedürfen. Je mehr wir im Licht wandeln, umso mehr sehen wir unsere eigene Unvollkommenheit. Sünder waren wir, als wir begannen, Sünder bleiben wir, wenn wir weitergehen: erneuert, begnadigt, gerechtfertigt, doch Sünder bis zum Ende. Unsere absolute Vollkommenheit muss noch kommen, und diese Erwartung ist ein Grund, warum wir uns nach dem Himmel sehnen sollten.
  6. Und als Letztes: Lassen Sie uns niemals scheuen, die Heiligung für sehr wichtig zu halten und um einen hohen Standard in der Heiligkeit zu ringen. Während einige mit einem jämmerlich niedrigen Standard zufrieden sind und andere sich nicht schämen, überhaupt ohne jede Heiligkeit weiterzuleben, und sich schon mit dem regelmäßigen Kirch- und Gemeindegang zufrieden geben, aber niemals vorankommen – wie ein Pferd in einer Mühle –, so lassen Sie uns doch unbeirrt in den alten Pfaden bleiben, selbst nach hervorragender Heiligkeit streben und sie anderen unerschrocken empfehlen. Das ist der einzige Weg, um richtig glücklich zu sein.

Machen Sie sich bewusst: Heiligkeit ist Glück, egal, was andere sagen, und dass der Mensch, der am sorgenfreisten durchs Leben geht, der geheiligte Mensch ist. Zweifellos gibt es einige echte Christen, die wegen einer schlechten Gesundheit, familiärer Schwierigkeiten oder anderer unerfindlicher Gründe kaum Freude erleben und alle Tage traurig ihren Weg zum Himmel gehen. Aber dies sind Ausnahmen. Im Allgemeinen wird es sich, wenn man die gesamte Lebenslänge betrachtet, als wahr erweisen, dass die „geheiligten“ Menschen die glücklichsten Menschen auf Erden sind. Sie haben einen starken Trost, den die Welt weder geben noch nehmen kann. „Ihre (der Weisheit) Wege sind liebliche Wege.“ „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben.“ „Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Doch es steht auch geschrieben: „Aber die Gottlosen, spricht der Herr, haben keinen Frieden“ (Sprüche 3,17; Psalm 119,165; Matthäus 11,30; Jesaja 48,22).

 

 

© 3L-Verlag

Aus J. C. Ryles Buch »Seid heilig«, erschienen bei http://www.3lverlag.de/

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung

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Artikel, Evangelium, Heiligung

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