In Bezug auf das Verhältnis zwischen „Gesetz“ und „Gnade“ gibt es unter den evangelikalen Christen wohl die meiste Verwirrung. Und tatsächlich fällt es uns auch schwer, diese beiden Dinge miteinander zu vereinen. Entweder lege ich großen Wert auf die Einhaltung des Gesetzes – dann stehe ich in der Gefahr, die Gnade außer Acht zu lassen – oder ich betone die Gnade – und vergesse unter Umständen die Bedeutung des Gehorsams gegenüber dem Gesetz Gottes. Gerade weil dies so kompliziert erscheint, widmen sich auch zwei der bedeutendsten Briefe des Neuen Testaments gerade diesem Thema. In seinem Brief an die Galater schreibt der Apostel Paulus: „Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht“ (Galater 1,8-9). Nicht weniger beeindruckend ist seine Aussage in Römer 9,1-3: „Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch.“ Was veranlasste den Apostel dazu, so scharfe Aussagen zu machen? Die Antwort ist: Nichts anderes als das Verhältnis zwischen „Gesetz“ und „Gnade“! „Wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus umsonst gestorben“ (Galater 2,21). „Wenn ein Gesetz gegeben wäre, das lebendig machen könnte, käme die Gerechtigkeit wirklich aus dem Gesetz“ (Galater 3,21). „Denn durch die Werke des Gesetzes wird kein Mensch vor Gott gerecht“ (Römer 3,20).

Der Inhalt dieser Stellen zeigt, dass wenn das Gesetz uns ermöglichen würde, vor Gott als gerecht zu erscheinen, das Evangelium und der Tod Christi unnötig wären. „Wenn ihr durch das Gesetz vor Gott bestehen wollt, habt ihr euch von Christus getrennt und die Gnade verloren“ (Galater 5,4). Doch wer glaubt, das Verhältnis zwischen Gesetz und Gnade sei hiermit schon erklärt, der irrt. Denn derselbe Paulus sagt auch: „Setzen wir nun aber durch den Glauben das Gesetz außer Kraft? Im Gegenteil: Wir bestätigen das Gesetz!“ (Römer 3,31). Wir müssen also zugeben, dass die Bibel nicht nur von der Gegensätzlichkeit von „Gesetz und Gnade“ spricht, sondern auch davon, dass sie einander ergänzen – das heißt: Die Existenz des Gesetzes macht die Notwendigkeit der Gnade erst deutlich und die Gnade bestätigt die Richtigkeit des Gesetzes und richtet es auf. Wir dürfen also nicht in einseitiger Weise die Gnade gegen eine sogenannte „Werksgerechtigkeit“ verteidigen – sondern müssen auch bemüht sein, das Gesetz gegen die falsche Auffassung einer „billigen Gnade“ zu verteidigen. Nur dann, wenn wir die Gnade gegen die Gesetzlichkeit und das Gesetz gegen die Gesetzlosigkeit verteidigen, vertreten wir das Evangelium Jesu Christi in einer Weise, wie es die Apostel taten.

Welche Aufgabe hat das Gesetz?

In manchen evangelikalen Kreisen wird die Meinung vertreten, dass das Halten der Gebote Gottes nicht mit der Freiheit des Christen zu vereinen sei. Ich möchte wiederholen: Es fällt uns Menschen unheimlich schwer, das Fordern von Gehorsam mit dem Prinzip der Gnade in Einklang zu bringen. Aber es sollte uns verwundern, wenn jemand, der an Jesus Christus glaubt und das Neue Testament liest, sich weigert Gottes Gebote zu halten. Jesus selbst sagte: „Wer mich liebt, der wird meine Gebote halten“ (Johannes 14,15). Und er sagte auch: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und in seiner Liebe bleibe“ (Johannes 15,10). Der Apostel Johannes, der diese Worte Jesu aufschrieb, fasste sie in seinem Brief folgendermaßen zusammen:

„Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Zuversicht zu Gott, und was wir bitten, werden wir von ihm empfangen; denn wir halten seine Gebote und tun, was vor ihm wohlgefällig ist. Und das ist sein Gebot, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus und lieben uns untereinander, wie er uns das Gebot gegeben hat. Und wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat“ (1. Johannes 3,21-24).

An diesen und anderen Stellen wird deutlich, dass Gehorsam und Liebe – das Halten der Gebote und die Gemeinschaft mit Gott – sehr eng miteinander verbunden sind. Leider übersehen wir diese Tatsache sehr häufig. Die Ursache für jede Abneigung gegen das Halten der Gebote liegt also entweder in einer großen Unkenntnis des Wortes Gottes oder in einer feindseligen Haltung Gott gegenüber.

Die Unkenntnis oder Einseitigkeit mancher kann auf die Fehlinterpretation mancher Bibelstellen zurück geführt werden. Es sind Stellen, wie Römer 6,14: „Denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ oder: „Bevor der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte“ (Galater 3,23). So scheint es, als hätte die Verpflichtung gegenüber dem Gesetz in dem Moment aufgehört, in dem wir zum Glauben an Jesus Christus kamen. Doch wir müssen aufpassen, dass wir den Worten des Paulus keine falsche Bedeutung einzuräumen. Wenn Paulus in Römer 6,14 davon spricht, dass wir nicht mehr „unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ sind, dann setzt er damit zwar einen scharfen Kontrast zwischen das Gesetz und die Gnade, doch er möchte damit vielmehr ausdrücken, dass jeder, der „unter dem Gesetz“ ist, dem Fluch des Gesetzes ausgesetzt ist – nämlich der Trennung von Gott als Strafe der Gesetzlosigkeit. Jeder aber, der „unter der Gnade“ ist, wurde von dem Fluch des Gesetzes befreit. Hierbei geht es letztendlich um die Befreiung des Fluches, die nur durch die Gnade, nicht aber durch Einhaltung des Gesetzes möglich ist (vgl. dazu die folgenden Verse: Römer 6,15-18).

Welchen Zweck erfüllt das Gesetz und welchen nicht?

  1. Das Gesetz offenbart den Willen und das Wesen Gottes. Gott ist heilig und er offenbart durch sein Gesetz, was seiner Heiligkeit entspricht und was ihr entgegen steht. Wir sollen heilig sein, wie er heilig ist. Deshalb ist das Gesetz für uns eine Vorschrift, wie wir Seiner Heiligkeit entsprechend leben sollen.
  2. Das Gesetz bringt denen Segen, die es sich zum Maßstab machen. Eigentlich war das Gesetz zum Leben geben (vgl. Römer 7,10). Der Mensch, der das Gesetz hält, wird durch das Gesetz leben (vgl. Galater 3,23). Es ist nicht nur gegeben, um Gerechtigkeit auszudrücken, sondern auch, um sie zu bewahren. Dort also, wo das Gesetz am meisten befolgt wird, wird auch die größte Gerechtigkeit und als Resultat die beste Lebensqualität zu finden sein. Jede Abweichung vom Gesetz wird dagegen Gericht zur Folge haben.
  3. Das Gesetz ist der Maßstab, an dem jeder beurteilt und verurteilt wird. Jeder, der das Gesetz bricht, zieht das gerechte Urteil Gottes auf sich. „Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben steht, um es zu tun“ (Galater 3,10).
  4. Das Gesetz überführt von Sünde. Jede scheinbar verborgene Sünde wird durch das Gesetz ans Licht gebracht. Denn das Gesetz ist geistlich und als Gottes lebendiges und wirksames Wort, durchdringt und erforscht es die tiefsten Abgründe unserer Herzen (vgl. Römer 7,14; Hebräer 4,12). Paulus formulierte es mit folgenden Worten: „Ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz; denn von der Begierde hätte ich nichts gewusst, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren“ (Römer 7,7). Gottes Gesetz hält uns den Spiegel vor und offenbart uns, wie sehr die Selbstliebe unsere verdorbenen Herzen verblendet.
  5. Durch das Gesetz wird die Sünde in uns noch mehr dazu gereizt, gegen Gottes Autorität aufzubegehren. Das Gesetz hat nicht die Kraft unsere sündigen Herzen umzugestalten – es bewirkt hingegen, dass die in uns wohnende Sünde gereizt und hervor gelockt wird. „Als das Gebot kam, lebte die Sünde auf, und ich starb“ (Römer 7,9). Weil unsere Natur in völliger Feindschaft mit Gott lebt, kann sein Gesetz uns nicht befreien – im Gegenteil: Je heller das Licht Seines Gesetzes auf uns und in unsere verdorbenen Herzen scheint, umso mehr reizt dieses Licht uns zur Feindschaft gegen Gott, sodass wir uns weder unter Gottes Gesetz beugen wollen, noch dazu fähig wären dies zu tun.

Dies sind die Dinge, zu denen Gott das Gesetz befähig und eingesetzt hat. Doch Gott hat dem Gesetz nicht die Fähigkeit eingeräumt … :

  1. … etwas zur Rechtfertigung eines Menschen beizutragen. Das Gesetz selbst liefert keine Grundlage zur Vergebung; es birgt in sich auch nicht die Kraft uns zum Gehorsam zu führen. Es kennt keine Gnade und schenkt uns keine Gerechtigkeit im Tausch gegen unsere Übertretungen.
  2. … aus der Knechtschaft der Sünde zu befreien. Das Gesetz dient dazu, die Sünde zu benennen und offenbart dadurch nur die Ausweglosigkeit unserer Knechtschaft. Jeder, der sich an dem Gesetz misst, erkennt, wie sehr er eine Erlösung nötig hat, die ihm weder durch das Gesetz noch durch sein eigenes Können ermöglicht werden kann.

Im Licht dieser Wahrheit wird die Bedeutung der Worte aus Römer 6,14: „unter der Gnade“, im Kontrast zu dem Gesetz Gottes erst richtig deutlich. In Kapitel 7 klärt Paulus uns darüber auf, dass jeder, der zu Christus gehört, für das Gesetz als bereits gestorben gilt (V. 4). Der Gläubige stirbt, mit Christus und wird mit Ihm wieder zu neuem Leben erweckt (vgl. Römer 6,8). Durch den Glauben an den stellvertretenden Tod und die Auferstehung Christi, öffnet sich uns die Tür zu der erlösenden und befreienden Gnade. Dies ist es, was Paulus als „unter der Gnade“ bezeichnet. Diese Gnade ist nichts anderes als der freie Wille Gottes, Sünder zu befreien, die unter dem Fluch des Gesetzes und der Knechtschaft der Sünde stehen.

Die Echtheit und Integrität des Evangeliums steht und fällt mit der Auffassung dieses Gegensatzes zwischen der Funktion und der Wirksamkeit des Gesetzes auf der einen Seite und der Funktion und der Wirksamkeit der Gnade auf der anderen Seite. Denn auch wenn das Gesetz nicht dem Zweck der Erlösung dient, bedeutet dies nicht, dass es für den Gläubigen ohne jede Bedeutung wäre. Diejenigen, die besonders betonen, der Christ hätte – da er unter der Gnade steht – mit dem Gesetz nichts mehr zu tun, sollten sich vor Augen führen, dass derselbe Paulus, der die Errettung durch Glauben aus Gnade allein predigte auch sagte, dass er vor Gott nicht ohne Gesetz sei, sondern dass er „unter dem Gesetz Christi“ stehe (vgl. 1. Korinther 9,21). Diese Bibelstelle stellt in keiner Weise einen Widerspruch dar zu seiner Behauptung, „nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ zu sein. Vielmehr zeigt der Zusammenhang, dass Paulus hier seine Verantwortung im Umgang mit anderen Menschen beschreibt. So muss er denen gegenüber, die in dem Gesetz einen Weg zum Heil sehen, in besonderem Maße eine Hilfe sein, indem er die Wichtigkeit des Gesetzes – als Gottes moralischen und ethischen Maßstab – durch dessen Einhaltung vorlebt (vgl. 1. Korinther 9,20), während er gleichzeitig denjenigen, die ohne Gesetz sind ein Leben ohne Abhängigkeit von dem Gesetz vorlebt – das heißt ein Leben, bei dem Jesus Christus und die Errettung durch Ihn und das Befolgen Seines Willens im Zentrum stehen (vgl . 1. Korinther 9,21); das alles geschieht mit dem Ziel, die jeweiligen Menschen für Christus zu gewinnen und ihnen keine unnötigen Steine in den Weg zu legen.

Somit ist mit diesen beiden Aussagen „nicht unter dem Gesetz“ und doch „unter dem Gesetz Christi“ jeweils etwas völlig anderes gemeint. Paulus möchte hier nicht den Eindruck erwecken, als stünde das Gesetz Gottes im Gegensatz zu dem Gesetz Christi – nach dem Sinne „nicht unter Gottes Gesetz aber unter Christi Gesetz“ – ja, Paulus sagt an dieser Stelle sogar, dass er vor Gott „nicht ohne Gesetz“ steht. Wir als Gläubige stehen also definitiv nicht mehr unter dem Gesetz als unter einem verurteilenden Maßstab, sondern wir stehen unter dem Gesetz Christi als einem verbindlichen Maßstab, der erst durch unsere Errettung aufgerichtet wird und uns zu einer Anleitung wird, in welcher Weise wir Gott dienstbar und den Menschen um uns her zum Segen sein sollen. Aus diesem Grund schreibt Paulus auch, dass wir Christen „von der Sünde befreit und zu Sklaven der Gerechtigkeit“ geworden sind (Römer 6,18). Durch Gottes gnädiges Eingreifen wurden wir nicht nur von der Sünde und dem damit verbundenen Fluch der Sünde befreit, sondern Gott hat uns auch – indem Er uns zu Seinen Sklaven machte – dazu befähigt, Früchte der Gerechtigkeit hervorzubringen und Er schenkt uns in Seiner Gnade das ewige Leben (vgl. Römer 6,22-23).

Wenn wir die Aufforderungen des Alten Testaments Gottes Geboten zu gehorchen im Licht des Neuen Testaments – der Offenbarung von Gnade und Wahrheit – betrachten, dann werden wir erkennen, dass die Vorstellung, Gesetz und Gnade könnten sich widersprechen, nur auf menschlicher Unzulänglichkeit beruht. Gehorsam ist kein Mittel, sich etwas zu verdienen. Der neutestamentliche Gläubige steht vor Gott nicht ohne Gesetz dar, sondern unter dem Gesetz Christi. Er sehnt sich mit seinem Inneren danach, Gottes Gesetz zu befolgen und kann in den Ruf des alttestamentlichen Heiligen mit einstimmen und sagen: „O wie sehr liebe ich dein Gesetz! Ich sinne darüber nach den ganzen Tag“ (Psalm 119,97).

© Herold-Schriftenmission, Herold Juni 2012

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Artikel, Gesetz & Evangelium

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